Kopf des Tages: Von "Menschen, denen es nicht ganz so gut geht"

14. März 2008, 18:50
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"Unterschicht", "sozialer Bodensatz", "verlorene Generation": Die Abstraktionen, die Rezensenten den Protagonisten seiner Erzählungen überstülpen, reizen Clemens Meyer zum Widerspruch

"Mir ist das extrem verdächtig, wenn von ,wir' oder von ,Generation' gesprochen wird". "Das sind keine Rechten, keine Linken, keine Hooligans, keine Punks." "Ich schreibe über Menschen, denen es nicht ganz so gut geht, gesellschaftlich und finanziell."

In ihrer Behutsamkeit weist die Formulierung des 1977 in Halle in der damaligen DDR geborenen und seit 29 Jahren in Leipzig-Ost lebenden Autors die Haltung, mit der seinen Geschichten, vielleicht der Welt und wohl ihm selbst begegnet werden kann.

Denn auch Clemens Meyer wurde seit seinem ersten größeren Erfolg, dem 2006 erschienenen Roman Als wir träumten, zum lustvoll beschriebenen Objekt: Man hat ihn zum "Tattoomann der deutschen Literatur" ausgerufen, genussvoll seine frühen Jobs als Bauhelfer und Wachmann zitiert. Er selbst beschreibt die Tattoos, die einen Großteil seines Körpers bedecken, schlicht als "Teil meines Lebens. Ich selbst mache kein großes Gewese darum, das tun nur die anderen." Reizvoller erscheint es ihm, von dem zu sprechen, wofür er nun mit dem Preis der Leipziger Buchmesse geehrt wurde, dem Schreiben.

Der Sohn eines literaturbegeisterten Krankenpflegers mit einer mehrere tausend Bände umfassenden Bibliothek war bereits als Zehnjähriger von der in der offiziellen DDR wenig geschätzten US-Literatur gefesselt. Auf James Fenimore Cooper folgten Jack London, Dashiel Hammett, Raymond Chandler und - vor allem - Ernest Hemingway, den er bis heute als größten Lehrmeister bezeichnet, ungeachtet der vier Jahre, die er am Leipziger Literaturinstitut studierte.

Wie seine Vorbilder denkt Clemens Meyer vom Plot her, als Referenz nennt er seine preisgekrönten Erzählungen in Die Nacht, die Lichter "Stories". Die Leipziger Vorstadt, in der der Autor in einer Zwei-Zimmer-Souterrain-Wohnung lebt, nennt er selbst "eine Art Bergbau, mein Claim, wo ich schürfte und meine Stoffe fand". Begebenheiten aus dem Leben eines Gabelstaplerfahrers im Einkaufszentrum, eines Rentners und seines Rottweiler-Dobermann-Rüden Piet.

Piet, das Original, Meyers 13-jähriger Hund, ist einer der Gründe, weshalb der Gewinn der 15.000 Euro Preisgeld existenziell wichtig für ihn ist - nachdem er vor zwei Jahren, in Leipzig wie beim Klagenfurter Lesen um den Bachmann-Preis, leer ausging: Manche Stipendien, wie zuletzt eine Einladung des Literarischen Colloquiums in Berlin, kann der Autor nicht annehmen - "weil die meinen Hund nicht haben wollten". Auch einen Umzug will er dem betagten Tier nicht mehr zumuten. (Cornelia Niedermeier, DER STANDARD/Printausgabe, 14/15.02.2008)

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    Lebt in Leipzig, studierte Literatur in Leipzig, gewann in Leipzig: Clemens Meyer.

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