Tibet-Experte: "Chinesen sitzen am längeren Ast"

14. März 2008, 17:48
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Die Ausschreitungen könnten noch länger dauern, sagt Tibet-Experte Wieser-Much im Gespräch mit derStandard.at - Proteste begannen am 49. Jahrestag des Aufstandes gegen chinesische Herrschaft

"Für Peking ist Tibet Teil des chinesischen Staatsgebietes und die Tibeter sind mit dem Status Quo nicht einverstanden", erklärt Michael Torsten Wieser-Much vom Institut für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde der Universität Wien die Essenz des Konfliktes zwischen Tibet und China.

Offiziell ist Tibet eine autonome Region Chinas. Den Tibetern geht diese Autonomie aber nicht weit genug. China hält allerdings seine Hand fest über der Region. Wegen der Grenze mit Indien sei Tibet für China auch militärisch und strategisch interessant, sagt Wieser-Much.

Zu Beginn dieser Woche begannen die Proteste der tibetischen Mönche. Der Zeitpunkt ist nicht zufällig gewählt. Am 10. März 1959 kam es zu einem Aufstand der Tibeter gegen die chinesische Herrschaft, den Peking blutig niederschlug. Der Dalai Lama lebt seither im Exil.

Am Montag dieser Woche jährte sich dieser Tag zum 49. Mal. Es gab auch Protestmärsche tibetischer Mönche im indischen Exil. Sie wollten von der indischen Stadt Dhramsala aus, die auch der Sitz der tibetischen Exil-Regierung ist, über die Grenze nach Tibet wandern.

Demonstranten festgenommen

Die indische Polizei hinderte die Demonstranten aber am Grenzübertritt. Zahlreiche Protestierende wurden festgenommen. Warum sich Indien an die Seite Chinas stellt und die Grenzüberschreitung mit Polizeieinsatz verhinderte, beantwortet Wieser-Mucha folgendermaßen: "Die Interessen eines großen Staates wie China sind für Indien wichtiger als die des kleinen Tibet." Mit anderen Worten, die diplomatischen Beziehungen zum großen Nachbarn sollen nicht gefährdet werden.

Die Lage verschlimmerte sich am Freitag. Bei Ausschreitungen in der Hauptstadt Lhasa gab es zahlreiche Verletzte und mehrere Tote.

Keine Lösung in naher Zukunft

Verhandlungen über Veränderungen sind bisher immer ohne Ergebnisse geblieben. "Peking will das chinesische Staatsgebiet als Ganzes. Davon sind nicht nur die Tibeter betroffen, sondern auch zum Beispiel die Mongolen", sagt Wieser-Much. Da sei China durchaus mit Russland zu vergleichen.

Ein unabhängiges Tibet wäre auch wirtschaftlich überlebensfähig, sagte Wieser-Much. Aber über eine mögliche Lösung des Konfliktes ist Wieser-Much eher skeptisch. "Momentan ist überhaupt keine Lösung in Sicht."

"Die Proteste könnten diesmal noch länger andauern", glaubt Wieser-Much. Warum China dermaßen hart gegen die Demonstranten vorgeht, wo es doch durch die Austragung der olympischen Spiele im internationalen Rampenlicht steht, kann auch Wieser-Much nicht beantworten. "Vielleicht fragen Sie bei der chinesischen Botschaft nach", rät er. China führe die Politik der früheren Regierungen fort. (mka, derStandard.at, 14.3.2008)

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    Chinesische Soldaten bei einer Militärparade. Im Hintergrund der Potala Palace, der ehemalige Sitz des Dalai Lama.

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