Fischer: "Weniger Energie für Konflikte und Konfrontationen verwenden"

14. März 2008, 11:42
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Aus der Rede des Bundespräsidenten

"Der Erfolg unserer Zweiten Republik und die mehr als sechs Jahrzehnte einer friedlichen Entwicklung beruhen nicht zuletzt darauf, dass wir nach 1945 mehrere Baumeister und Brückenbauer in entscheidenden Positionen in der Regierung, im Parlament und auch bei den Sozialpartnern hatten und dass in der Zweiten Republik viele Brücken gebaut werden konnten.

Die wichtigste Eigenschaft für den politischen Brückenbau ist, dass man weiß, was man seinem Gegenüber, seinem Partner und auch seinem Gegner zumuten kann. Das ist nicht nur eine Erfahrung aus der Vergangenheit, sondern auch eine Lehre für Gegenwart und Zukunft. Das Augenmaß für das Zumutbare ist in einer politischen Partnerschaft - und überhaupt in der Politik - von zentraler Bedeutung.

Heute, 70 Jahre nach dem März 1938 und 63 Jahre nach Kriegsende, ist Österreich ein wunderbares, ein beneidenswertes Land.

"Keine fehlerlosen Menschen"

Kein fehlerloses Land - denn das gibt es nicht, weil es auch keine fehlerlosen Menschen gibt -, aber ein Land, das in vielen Bereichen hervorragende Leistungen erbringt; das sich einen geachteten Platz in Europa und in der Welt erarbeitet hat. Ein Land, auf das wir alle stolz sein können.

Und wenn es derzeit dennoch ein nicht zu übersehendes politisches Unbehagen gibt, dann müssen wir uns damit ernsthaft auseinandersetzen und an der Beseitigung der Ursachen arbeiten, um zu verhindern, dass das Unbehagen in Bezug auf den Umgang mit bestimmten Problemen zu einem Unbehagen gegenüber der Demokratie schlechthin wird.

(...) Wir sollten weniger Energie für Konflikte und Konfrontation verwenden, weil wir damit mehr Energie für konstruktive Arbeit zur Verfügung haben. Gerade der Blick in die Vergangenheit, den wir heute gemeinsam versucht haben und versuchen, wird uns darin bestärken.

Der Blick in die Vergangenheit zeigt uns nämlich, dass die Diktaturen letzten Endes gescheitert sind - nicht nur die NS-Diktatur. Und dass die Demokratie lebt. Und zwar in allen Ländern Europas. Daraus dürfen wir Zuversicht schöpfen für die Zukunft Österreichs und für die Zukunft Europas. Machen wir uns gemeinsam an die Arbeit." (DER STANDARD, Printausgabe, 13.3.2008)

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