Lohas geben Stoff

14. März 2008, 12:52
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Was haben C&A und Stella McCartney gemeinsam? Ihre Baum­wolle kommt aus ökolo­gischem Anbau:Gesund­heitlich zählen Bauern, Umwelt und Konsumenten zu den Gewinnern

Lohas, steht für Lifestyle of Health and Sustainability. Für die zahlenhörigen Marktstrategen sind die neuen Konsumenten aber vor allem ein kaufstarkes Potenzial, das selbst die Industrie erstmals umdenken lässt. Die gar nicht armen "Konsumenten mit Verantwortung" erobern mittlerweile tatsächlich alle Branchen: Nach der Ernährung folgte die Automobilindustrie mit den ersten Hybridautos und jetzt boomt die schicke Bio-Kleidung.

Wachstum von 53 Prozent

So lassen die von der US-amerikanischen Organisation Organic Exchange veröffentlichten Zahlen zum Bio-Baumwollmarkt für die Saison 2006/07 aufhorchen. Das Wachstum für die Faserproduktion sei um 53 Prozent gegenüber des Vorjahres gestiegen. Weltweit wurden somit 57.931 Tonnen Bio-Baumwolle produziert. Zusätzlich prognostiziert die Organisation für das kommende Jahr ein weiteres Ansteigen der Mengen.

Vergiftungen durch Pestizide

Das ist vor allem ein Segen für die Bauern in Indien, China oder der Türkei. Sie leiden seit Jahren unter denkbar schlechten Bedingungen. Ihr Risiko sind Pestizide. Durch den hohen Schädlingsbefall werden konventionelle Baumwollfelder zwischen zehn und 25 Mal pro Saison mit Spritzmittel behandelt. "Meistens arbeiten die Bauern ungeschützt und barfuß mit einer einfachen Rückenspritze", so Werner Müller, der in Österreich das Biobaumwoll-Label Ainoah betreibt. "Die Folge sind schwere Vergiftungserscheinungen."

Bewusstlosigkeit und neurotoxische Symptome

Das international agierende Pestizid-Aktionsnetzwerk PAN sammelte die Fälle und kommt zu dem Schluss, dass es bei 38 Prozent der Betroffenen zu mittelschweren Symptomen wie Muskelkrämpfen oder Erbrechen kommt. Wirklich erschreckend: sechs Prozent der Bauern leiden unter so schweren Vergiftungserscheinungen, dass die Folgen sogar zur Bewusstlosigkeit führen oder neurotoxische Symptome auftreten. (Quelle: Studie der Universität Wageningen, Mancini et al. 2005).

Langzeitfolgen, so der Umweltexperte Müller seien aber leider noch keine erfasst. "Somit können chronische Erkrankungen heute noch nicht zurückverfolgt werden."

Gentechnisch veränderte Pflanzen

Letzte Woche wurde Werner Müller für sein Biobaumwolllabel mit dem Wiener Umweltpreis ausgezeichnet. Noch vor fünf Jahren war er der Gentechnik Experte bei Global 2000. "Man kann nicht nur kritisieren, man muss auch Lösungen anbieten. Und so habe ich mich in den Handel mit Biobaumwollprodukten gewagt", erklärt er seinen beruflichen Umschwung. Dem Thema Gentechnik ist er aber treu geblieben. Denn ein Großteil der konventionell angebauten Baumwolle ist bereits heute gentechnisch verändert.

Profit mit Spritzmittel und Saatgut

Die gentechnisch veränderten Pflanzen sollten Pestizide reduzieren. Kurzfristig war das auch möglich. Mittlerweile sind aber viele Insekten resistent, so dass neue Sorten entwickelt werden müssen oder wieder mehr Spritzmittel eingesetzt werden. Die Gewinner sind die Produzenten von Spritzmitteln und Hersteller von gentechnisch verändertem Saatgut. Auf der Verliererseite stehen hingegen die Landwirte mit Gesundheitsschäden und einer steigenden Verschuldung.

Sythetische Gene in Futtermittel

"Wenn die Baumwolle auf den Feldern abgeerntet ist, kommen die Bauern mit ihren Schafen oder Ziegen und lassen sie weiden. Da gibt es dann offensichtlich Probleme. Also die Tiere sterben einfach." Müller hält synthetische Gene nicht für risikolos. Zusätzlich sei der Weg der synthetischer Gene in die Nahrungskette bereits Realität: "Die Kerne der Baumwolle werden gepresst und dienen als Futtermittel. Auch ein Pflanzenöl wird daraus gepresst. In Europa ist das zugelassen und kommt als 'Mischöl' auf den Markt."

Chemische Gefahr der Färbereien

Die chemische Gefahr liegt in der Verarbeitung. Laut Konsument werden rund 8000 Chemikalien eingesetzt. Darunter zum Beispiel schwermetallhältige Substanzen wie Blei und Azofarben. Im benachbarten Bayern wurde das gesundheitlich relevante Thema "Schadstoffe in der Kleidung" gar im Landtag diskutiert. Einer der Beweggründe hieß "synthetische östrogene Stilbene". Diese wurden vor Jahren in der Kälbermast eingesetzt und wegen ihrer nachgewiesenen cancerogenen Wirkung dort verboten. Als optische Aufheller haben sie jedoch in der Textilindustrie einen fixen Platz.

Trendwende

Argumente gegen den konventionellen Anbau, die auch Gehör finden. "Es ist ein kleiner Markt, aber die Nachfrage ist jetzt da", davon ist Werner Müller überzeugt. Er dürfte damit richtig liegen, denn ab heute stehen in 16 Ländern satte siebeneinhalb Tonnen verarbeitete Biobaumwolle in den Regalen der C&A Filialen zu Verfügung. "Das ist ein Trend, der mit dem 'global warming' einhergeht. Das heißt man hat erkannt, dass man für die Umwelt und die Mitmenschen etwas tun muss. Dieser Trend ist auch in der Mode angekommen", so der Biobaumwollexperte abschließend. (nia)

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