"Fußballer lassen sich nicht mehr abspeisen"

12. März 2008, 08:32
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Teamarzt Ernst Schopp spielt eine wichtige Rolle im Betreuerstab. Der Fußball habe sich auch aus medizinischer Sicht dramatisch verändert, sagt er im STANDARD-Interview

Standard:Welchen Beitrag kann der Teamarzt leisten, damit die EURO für Österreich nicht unangenehm endet?

Schopp: Die medizinische Abteilung muss darauf achten, dass die ausführlichen Forderungen der UEFA eingehalten werden. Sämtliche Untersuchungen müssen überwacht werden, es gilt, unliebsame Überraschungen, wie Herzprobleme, auszuschließen. Das ist eine aufwendige formalistische Aufgabe. Genauso wichtig ist, alle kleinen und großen Verletzungen, die nach der Meisterschaft vorhanden sind, in ihrer Schwere einzuordnen und eine Prognose abzugeben. Ist es realistisch, einen Spieler in Topzustand zu bringen? Wir müssen Strukturen entwickeln, um den Trainingsalltag zu optimieren. Und wir müssen ehrlich sein. Es wird Härtefälle geben.

Standard: Wie fit ist das Team? Es wird behauptet, es fehlen die körperlichen Voraussetzungen, um an die Spitze zu kommen. Als Ursache wird die geringe Herausforderung in der Liga angeführt. Stimmt das?

Schopp: Es ist bewiesen, dass ein Teil der Fitness durch hohe Spielbelastung entsteht. Profis, die bei einem hochqualifizierten Verein, also auf Champions-League-Niveau, trainiert haben, aber nur Ersatz waren, hatten zu Saisonende in allen erfassbaren Werten wie Ausdauer oder Sprintschnelligkeit schlechtere Ergebnisse als jene, die dauernd gespielt haben. Eine schwerwiegende Erkenntnis. Das heißt, du kannst zwar noch so gut trainieren, aber wenn du nicht ständig auf diesem Hochlevel gefordert bist, kannst du die Weiterentwicklung, die du brauchst, nicht finden. Ich stimme mit Trapattoni überein, der sagt, dass es in Österreich ein Problem ist, nur dreimal im Jahr auf ganz hohem Niveau zu kicken. Das ist kein Angriff auf die Bundesliga. Es ist so.

Standard: Gibt es in Österreich ein Trainerproblem? Sind die nicht auf dem letzten Stand der Lehre?

Schopp: Ich bin nicht berechtigt, als Mediziner die Methoden der Trainer zu kritisieren. Aber ich bin seit 25 Jahren im heimischen Spitzenfußball tätig. Was sich da diametral entwickelt hat, würde Bücher füllen. Der letzte Stand ist längst überholt.

Standard: Konkret?

Schopp: Das Grundsatzproblem des Fußballs war, dass man im Ausdauerbereich gedacht hat, mit allgemeinen Dingen wie dem Laufen zum besten Ergebnis zu kommen. Das ist nicht der Fall. Der Fußball mit den ständigen Stop- und Go-Bewegungen braucht andere Formen.

Standard: Wird zu wenig Wert auf Individualtraining gelegt?

Schopp: Früher war Individualtraining kein Thema. Es setzt sich nun durch, es gibt immer mehr Spieler, die persönliche Programme haben wollen. Das ist gut, Präparation liegt auch in der Eigenverantwortung. Wenn ich in einen Konzern will, der Konferenzen in Englisch abwickelt, kann ich nicht erwarten, dass mich das Unternehmen zuerst in einen Sprachkurs schickt. Ich muss alles unternehmen, so gut Englisch zu sprechen, dass der Konzern dann sagt: Wir schicken dich.

Standard: Ist ein erhöhtes Körperbewusstsein zu registrieren? Die Zeiten der qualmenden Kicker scheinen vorbei zu sein. Andererseits wird die Lockerheit ein wenig vermisst.

Schopp: Der Wissensstand der Spieler ist höher geworden, die Anforderung auch. Sie lassen sich nicht mehr abspeisen, sie stellen Fragen. Der Urschmäh eines Andreas Ogris ist vielleicht weg. Das hat aber nichts mit verlorener Lockerheit zu tun.

Standard: Haben sich die Verletzungsmuster verändert?

Schopp: Das Knie war und ist das Problem. Die Grob- und Feindiagnostik ist aber dramatisch verbessert worden. Wenn ein Spieler irgendetwas erleidet, sind wir fähig, Diagnosen zu finden, die wir früher nicht gekannt haben, weil wir die technischen Mittel nicht hatten. Ein Seitenband war gerissen und aus. Du konntest nicht werten, warum einer Schmerzen hat, Man hat gesagt, reg dich nicht auf, gehe zum Masseur, lass dir einen Umschlag verpassen. Die Zahl der Verletzungen hat sich sicher nicht verändert, die Summe der Diagnosen und Behandlungsmöglichkeiten ist größer geworden.

Standard: Die mentale Komponente wird wichtiger. Vor 20 Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass ein Psychologe dem Betreuerstab angehört.

Schopp: Wenn man heute mit ernstzunehmenden Spielern von damals spricht, dann sagen die, ich hätte nicht gewusst, was ich mit einem Psychologen hätte anfangen sollen. Offensichtlich hatten sie den Bedarf auch rückblickend betrachtet nicht. Vielleicht haben sie Mechanismen entwickelt, um Probleme zu lösen, die jetzt nicht mehr vorhanden sind.

Standard: Wird das Denken komplizierter?

Schopp: Kann durchaus sein. Auf die Leute strömen viel mehr Dinge ein, man sucht nach äußeren Hilfsmitteln. Man will mehr Expertenmeinungen einholen, damit das System funktioniert. Ein Manager hat auch einen Coach, der ihm Körpersprache beibringt.

Standard: Doping ist eines der bestimmenden Themen im Sport. Dem Fußball bleiben die Diskussionen eher erspart. Warum?

Schopp: Die Anzahl der Fälle ist, wenn man Suchtgifte wie Kokain ausgliedert, was man natürlich nicht soll, dramatisch klein. Ich wüsste, außer in der Wiederherstellung, keine massiv leistungsfördernden Möglichkeiten, die Sinn machen. Es scheint ein Glück des Fußballs zu sein, dass er so komplex ist.

Standard: Kann man über die Fitness Europameister werden?

Schopp: Ich glaube nicht, dass man durch Fitness Europameister werden kann. Ich bin aber überzeugt, dass man durch mangelnde Fitness den Titel verspielen kann. (Mit Ernst Schopp sprach Christian Hackl - DER STANDARD PRINTAUSGABE 10.3. 2008)

Zur Person:
Ernst Schopp (52) ist Facharzt für Sporttraumatologie und Unfallchirurgie. Er betreibt eine Tagesklinik in Neufeld. Seit 1983 ist er für den ÖFB tätig.

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