Kopf des Tages: Triumphator mit vielen Gesichtern

3. April 2008, 12:58
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Ob Jahrhunderthochwasser oder Megaorkan: Keine Katastrophe, die er nicht für sich nützt

Keine Katastrophe, die Erwin Pröll nicht für sich nützt. Ob Jahrhunderthochwasser oder Megaorkan: Virtuos spielt Niederösterreichs Landeshauptmann Seelsorger, Einsatzleiter und Familienvater in Personalunion - und steht am Ende stets populärer da als zuvor.

Das Desaster, von dem Pröll diesmal profitiert, ist politischer Natur. Erst das Gemurkse der rot-schwarzen Koalition in Wien machte seinen programmierten Sieg zum Triumph. Mehr als die Hälfte der niederösterreichischen Wähler folgte dem Aufruf des Titelverteidigers, in chaotischen Zeiten wenigstens im schwarzen Kernland für "Klarheit" zu sorgen. Und für die Jahre 16 bis 21 der Ära Pröll.

Dass er zur Zeit der alten schwarz-blauen Regierung selbst für eine große Koalition geworben hatte, verschwieg der wendige Taktiker natürlich. Architekt oder Zerstörer, Königsmacher oder -mörder: Pröll nimmt ziemlich verlässlich immer jene Haltung ein, die der Bundes-ÖVP widerspricht. Die vielgescholtenen Kollegen an der Parteispitze hören oft weniger auf den Mahner aus St. Pölten, als dieser gerne suggeriert. Aber der Erfolg im eigenen Land, wo Widerborstigkeit gegen "die in Wean" gut ankommt, gibt Pröll recht.

Zwischen verschiedenen Rollen changiert der Weinbauernsohn aus Radlbrunn auch im eigenen Reich. Da ist einmal der liberale, aufgeschlossene Erwin Pröll, der - wie auf einem alten Wahlplakat - durch das Panoramafenster seiner modernen Schaltzentrale an der Traisen in die Ferne blickt. Nicht nur Blasmusik und Kirtag florieren in Niederösterreich, sondern auch avantgardistische Kulturevents wie das Donaufestival.

Zur "Stahlhelm"-Partie um Vorgänger Siegfried Ludwig zählte der joviale Gefühlspolitiker, der im persönlichen Kontakt zur Hochform aufläuft, nie. Im Wahlkampf warben auch nicht allzu bürgerliche Künstler wie der Karikaturist Manfred Deix und die Schauspielerin Erika Pluhar für den 61-Jährigen. Motto: Für den Pröll nehm ich sogar die ÖVP in Kauf.

Es gibt aber noch den anderen Erwin Pröll, von dem sein Leibblatt Niederösterreichische Nachrichten, das sich streckenweise wie eine Parteizeitung liest, nie berichtet. Den schamlosen Populisten, der im Stil des blauen Strache vor "Überfremdung" warnt, Minarette als "artfremd" verunglimpft und für Asylwerber de facto den Pranger vorsieht, indem er ihre Strafregisterauszüge veröffentlichen will. Und den beinharten Machtpolitiker, der die Schlüsselpositionen im Land konsequent mit Gefolgsleuten besetzt.

Wer, vom Pfarrer bis zum Journalisten, zur falschen Zeit aufmuckt, wird mitunter zusammengestaucht. Widerspruch ist in Prölls politischem Mikrokosmos nicht vorgesehen. Ein Prinzip, das auch die größte Oppositionspartei, die SPÖ, weitgehend verinnerlicht hat.

(Gerald John/DER STANDARD, Printausgabe, 10.3.2008)

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    Mit noch mehr Rückhalt in sein 16. Jahr als Landeschef: Erwin Pröll (61).

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