Die große Kreide-Flut

17. März 2008, 13:55
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Im Treibhausklima vor 80 Millionen Jahren lag der Meeresspiegel um etwa 170 Meter höher als heute: Schuld daran war neben dem Klima aber auch, dass die Meere ein geringeres Fassungsvermögen hatten

Washington – Der UN-Klimarat IPCC warnte vor ziemlich genau einem Jahr davor davor, dass der Meeresspiegel bis Ende des Jahrhunderts um rund einen halben Meter ansteigen könnte. Für einige Klimaforscher ist das zu wenig: In kühnen Prognosen und auch in Al Gores Film "Eine unbequeme Wahrheit" ist gar von zehn Metern die Rede.

Selbst das ist ziemlich wenig im Vergleich zur späten Kreidezeit: Damals nämlich lag der Meeresspiegel etwa 170 Meter höher als heute. Das geht aus einem ersten umfassenden Modell der Ozeanentwicklung hervor, das ein australisch-norwegisches Wissenschafterteam im US-Fachjournal "Science" (Bd. 319, S. 1357) vorstellt.

Auf der heutigen Landkarte wären bei einem derart hohen Wasserstand weite Teile Südamerikas und Europas überflutet. Weite Teile Großbritannien sowie die Nordhälften Deutschlands und Frankreichs gäbe es nicht mehr, eine Verbindung von der Ostsee bis zum Kaspischen Meer wäre schiffbar.

Allerdings sah die Weltkarte wegen der Bewegung der Erdplatten vor 80 Millionen Jahren ganz anders aus als heute. Heute haben die Meeresbecken durch die Wanderung der Kontinente ein größeres Fassungsvermögen, berichtet Forschungsleiter Dietmar Müller von der Universität Sydney.

Hohe Schwankungsbreite

Die Schätzungen der Meeresspiegelhöhe während der Kreidezeit lagen bisher mit 40 bis 250 Metern über dem heutigen Wert weit auseinander. Die neue Arbeit soll nun diese alte geologische Kontroverse beenden und könnte Forschern auch helfen, mögliche großräumige Veränderungen des Meeresspiegels durch die globale Erwärmung besser abzuschätzen. Wobei es in der fernen Vergangenheit zu Treibhausklimazeiten viel größere Schwankungen des Meeresspiegels gegeben habe als heute.

Hauptgrund für das Absinken des Meeresspiegels seit der Kreidezeit ist jedoch nicht die Bildung von Gletschern und Eiskappen, sondern ein gestiegenes Fassungsvermögen der Ozeanbecken. Die Weltmeere seien insgesamt viel tiefer als früher, berichteten die Forscher um Müller, der dazu meint: "Wenn wir unser Modell 80 Millionen Jahre in die Zukunft hochrechnen, können wir voraussagen, dass der Meeresspiegel auf lange Sicht weiter um etwa 120 Meter fallen wird."

Kurzfristig und mit Blick auf die Prognosen des UN-Klimarats warnte Müller allerdings: "Schon ein globaler Meeresspiegelanstieg um einen Meter durch schmelzende Eisdecken wäre desaströs für mindestens 60 Millionen Menschen in Küstengebieten weltweit." (dpa, APA, tasch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9. 3. 2008)

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