Leiden, Mitleiden, die Realität kennen

14. März 2008, 13:47
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Gerne wird Alfred Hrdlicka bescheinigt, dass er wie ein "erratischer Block" – so drückte es Canetti einmal aus – aus früheren Zeiten in die heutige Politik, Wirtschaft und Kultur hineinragt

Da schwingt Bewunderung mit, aber wohl auch Abwehr, gepaart mit Neid: weil es sich jemand auch mit 80 nicht nehmen lässt, im Wortsinne tätig Partei zu ergreifen, mit "Nachdruck" und mehr. Unterschwellig liegt für Zeitgenossen vor allem fern der tschechischen Wurzeln, sagen wir in Hansestädten, das Unangepasste bereits im Namen, in dem zwei Vokale verloren sechs Konsonanten gegenüberstehen. Hrdlicka also.

Der am 27. Februar 1928 geborene Bildhauer, Grafiker und Autor hat polarisiert, seit man sich erinnern kann. Er forderte mit dem Bekenntnis zu seinen kommunistischen Wurzeln die bürgerliche Kultur und ihre Vertreter heraus (die dabei ignorieren, dass er bereits anlässlich des Ungarnaufstands 1956, früher als viele andere, aus der KP ausgetreten ist). Er war und ist den Figurativen zu wild und den Abstrakten viel zu konkret. Und er irritiert, wenn er vorführt, wie anders, fast lyrisch er auch kann, wenn er zu Radiernadel oder Feder greift. Doch Bewunderer und Kritiker haben schon recht: Etwas ungemein Kräftiges, Sinnliches geht von allem aus, was er macht. Das zeigt sich in den Arbeiten, in seinen öffentlichen Auftritten, seinen Gedanken zur Kunst (siehe Bild oben). Es zeigt sich jetzt auch in der Hommage Hrdlicka. Trautl Brandstaller und Barbara Sternthal haben Freunde und Wegbegleiter des Künstlers zu einem Jubiläumsband eingeladen.

Arik Brauer erinnert sich an die ersten Jahre nach dem Krieg und daran, dass der junge Student sich "mit wilder Wut auf sein Blatt" stürzte, andererseits einen lieblichen Namen trug, nämlich auf Deutsch "Täubchen". Manfred Chobot protokolliert die Auseinandersetzungen zwischen Hrdlicka und dem Kulturbetrieb. Oskar Lafontaine insistiert auf der politischen Dimension des Werks und rettet es davor, zu sehr in soziale Bezüge aufgelöst zu werden. Sehr gut ausgesuchte Fotos und Reproduktionen aus sechs Jahrzehnten ergänzen die Texte. Ein brauchbares Buch, fast quadratisch, praktisch als Überblick, knallrot der minimal elegante Einband. (Michael Freund, ALBUM/DER STANDARD, 08/09.03.2008)

Trautl Brandstaller und Barbara Sternthal "Hrdlicka". € 34,90/160 Seiten. Residenzverlag, St. Pölten/Salzburg 2008.
  • Artikelbild
    cover: residenzverlag
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