Krocha

5. März 2008, 19:00
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Ich hatte die Kappen bisher für einen Irrtum gehalten. Tatsächlich sind sie das Symbol einer Jugendbewegung

Es war vorgestern. Da klärte sich alles auf. Denn S. hatte eine Seite aus der Bezirkszeitung mitgenommen. Und nachdem sie uns die Story – mehrfach kopiert – auf die Schreibtische geknallt hatte, setzte sie sich vor ihren Rechner, begab sich nach YouTube und zog den Kopfhörer ab: das, was nun folgte, sollten wir alle hören. Und sehen. Für etwa eine Stunde stand dann die Arbeit still.

S. hatte sich nämlich nach Krocha-Land begeben und uns mitgenommen. Zuerst nur bummbummtechnotechnisch akustisch – aber als sie dann mit Seitenstechen und Lachtränen neben ihrem Tisch niederzubrechen drohte, suchten auch wir uns die Videos zur Bezirksjournalsgeschichte. Und dann erkannte auch die jüngste im Raum, dass es manchmal ein echter Segen ist, nicht mehr zu den ganz Jungen zu gehören. "Glaubst du, ich war auch mal so peinlich?" fragte sie – zum ersten Mal im Leben. Und war erst beruhigt, als sie aus sechs Mündern zeitgleich ein "ganz bestimmt. So wie jeder von uns" hörte.

Neon

Ich hatte ja bisher nicht mitbekommen, was Krocha ist. Oder sind. Oder sein wollen: Die rosa oder gelben Billigstorfer-Neonkapperln, die Jugendliche, deren Aussehen und Auftreten mir stets bloß Vokabel wie "chancenlos und tiefergelegt" triggern, hatte ich bisher nicht als Zugehörigkeitssymbol einer Jugendgruppe gesehen, sondern als Irrtum. Aber bei Menschen, die ihr Kapperl so weit aus der Stirn schieben, dass es nur noch von Haarlack und Gel am Kopf festgehalten wird, ist das vermutlich ohnehin das geringste Problem.

Außerdem ist es ohnehin sinnlos, als alter Sack Jugendlichen irgendwas über das sagen zu wollen, was sie für cool halten. Und das ist ja auch richtig so: Dass Neonfarben auf Alltagskleidung einfach fürchterlich sind, weiß ich heute zwar – aber als es in Wien in den 80er-Jahren kurze Zeit modern war, neonfarbene Socken zu tragen ... Lassen wird das. Immerhin: Neonfarbenen Mopedschlüsselspiralgummikabeln verfiel ich nie. Über alles andere will ich heute lieber nicht mehr sprechen.

Soli

Während die Kollegen sich vor Lachen also am Boden wanden, betrieb ich Grundlagenforschung in zeitgenössischer Jugendkutur: Krocha erkennt man demnach nicht nur an ihren Irrtums-Mützen, sondern auch am übrigen Outfit. Man trägt als Basis "Soli" (Krochasprache), also Solariumbräune – und darüber teuren Markenramsch. Außerdem zupft der versierte Krocha sich die Augenbrauen zum schmalen Strich.

Ob es auch Krocharinnen gibt, erfuhr ich nicht – aber der Krocha tritt am liebsten in Rudeln und in Großraumdiscos auf. Weil es in der Nachtschicht (im Krocha-Sprech "Schicht") aber zu dunkel zum Handyfilmen ist, tanzt er auch gerne auf Shoppingcenter-Parkplätzen. Das sieht dann ziemlich lustig aus: Eine Mischung aus Pogo, Nervenleiden und hektischem Squaredance, befand Kollegin S. – und die muss es als ehemalige Aerobictrainerin ja wissen.

Gabber

Woher genau das Ding stammt, ist nicht so ganz klar. Laut Bezirksmagazin ist Krocha ein Nachzappler der mittlerweile fast verblichenen holländischen Gabber-Szene. Kollege B. jedoch meinte, in Frankreich gäbe es seit langem durchaus ähnliches in den Vorstädten zu beobachten – aber im Grunde sei das ohnehin egal. Interessant sei viel mehr die Frage, wie wohl die Emo-Tochter des Kanzlers darauf reagieren werde, nicht mehr als Vertreterin des neuesten Dings gehandelt zu werden.

Wir ließen es dann dabei bewenden. Lediglich die Vokabel aus dem Krocha-Jargon - "braQ" (angeblich mit großem Q) für "ich pack es nicht" oder "bombä" für alles, was toll ist – begleiteten uns bis ans Ende des Tages. Gestern früh lagen auf allen Schreibtischen der TV-Redaktion dann Neonkapperln. Wir haben sie natürlich den ganzen Tag getragen. Aber nur, solange uns sonst niemand sehen konnte.(Thomas Rottenberg, derStandard.at, 6. März 2008)

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