Es darf wieder gejubelt werden

4. März 2008, 11:46
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Die FU Berlin hält seit einem Semester den Status "Elite-Universität" inne - Auch der Protest der Studierenden ist elitär: Es wird geklatscht, geprotzt und verspottet

Berlin - Dieter Lenzen hat es diese Tage nicht leicht. Dem Geschäftsführer der Freien Universität (FU) Berlin, die seit Wintersemester 2007 den Status "Elite-Uni" trägt, bläst eine neue Art von Protestwind entgegen: Jubelparaden, Leader-Lieder und Habitus-Coaching folgen Lenzen auf Schritt und Tritt in der Öffentlichkeit. Die Berliner Studenten reagieren elitär auf das Exzellenzprädikat ihrer Uni.

Sie grölen und schwenken Transparente in die Luft. Das hört sich an wie eine staubtrockene Studentenlatschdemo, doch hier wird nicht gegen Dieter Lenzen gepfiffen, die Studenten pfeifen für ihn. "Freies Denken brauch ich nicht: Dieter sprich, Dieter sprich" verlangen die Protestierenden, die in Smokings zur Demo herbeieilen und Elite "einfach gut" finden. Es ist eine neue Art von Aktivismus, die die Berliner Studentenszene aus dem Dornröschenschlaf wachküsst. Jahrelang hieß es, die Studenten könnten keine Protestbewegung mehr mobilisieren. Doch die mauen Zeiten sind vorbei. In den vergangenen Monaten hat sich eine Protestavantgarde in Berlin entwickelt, die elitär Widerstand gegen schlechte Studienbedingungen und die steigende Ökonomisierung der Hochschulen leistet. Sie hat auch bereits andere deutsche Unis ergriffen. Spontanes Gähnen ist verboten, wenn diese Studenten auf die Barrikaden steigen.

Den Bildungsoffiziellen bei seiner Rede mit Trillerpfeifen und Buh-Rufen zu hindern, gehört beinahe zum akademischen Habitus. Doch die Berliner Studenten jubeln und verfallen in tosenden Applaus, als Dieter Lenzen bei einer Immatrikulationsfeier auftritt und Begriffe wie "Exzellenzcluster" und "Spitzenforschung" intoniert. Die studentischen Protestierenden haben sich die Parolen des Feindes einverleibt, um sie gegen ihn auszuspielen. Dazu gehört auch der Dieter-Lenzen-Fanclub, der den Uni-Präsidenten bei seinem Vorhaben, die FU Berlin zur "unternehmerischsten Universität Deutschlands" zu machen, mit ironischen Mitteln unterstützt.

Die rund 600 Klubmitglieder versichern, dass Dieter Lenzen ihr Held sei und warten mit Slogans wie "Reichtum soll sich wieder lohnen - für die Uni wie für die Elite!" auf. Dieser Klub wirkt wie eine Huldigungsoffensive für die neoliberale Linie des Uni-Präsidenten. Betritt Lenzen eine Bühne, braust Jubel auf. Laut, viel zu laut klatschen die Studenten ihrem Präsidenten zu. Die Zuseher sind vorerst irritiert ob der Jubelszenarien. Langsam legt sich jedoch die Verwirrung und die Kritik an der Privatisierungswelle mithilfe der Ironie wird sichtbar.

Doch es geht nicht einfach um humorvollen Protest mit ironischen Mitteln. Diese Kunst-Subversions-Strategie nennt sich Kommunikationsguerilla innerhalb des Regelsystems. Logos und Botschaften des "Feindes" werden bewusst übernommen und Information mit Desinformation verknüpft. Die Studenten verwenden dieselben Slogans, gegen die sie ankämpfen, und verdichten somit die Debatte. Probleme wollen die Studierenden dabei nicht bekommen. Sie haben sich anwaltliche Beratung geholt und protestieren "absolut demokratisch, verfassungstragend und legal". Die Bewegung soll für sich stehen - einzelne Repräsentanten gibt es keine, und auch Mitgliedernamen wollen sie nicht preisgeben.

Abgesagte Auftritte und Zivilpolizei

Der Dieter-Lenzen-Fanclub ärgert seinen Helden. Dieser blockt ab: Mit seinen Studenten spricht er schon lange nicht mehr. Erfährt er, dass ihm ein elitärer Protestwind bei einer Veranstaltung entgegenschlagen könnte, wird er krank und bläst seinen Auftritt kurzfristig ab. Doch sein Fanklub lässt nicht locker. Erfährt der von einer öffentlichen Rede seines Helden, versammelt sich eine Traube an Jubelnden vor Ort.

Lenzen ist der Spott zu bunt geworden. Er lässt sich von einem Sicherheitsservice begleiten, auf der Uni beobachten Polizisten in Zivil die Protestwelle. Doch die Studenten lassen sich nicht stören. Sie stellen ihren Elitestatus zur Schau und erproben sich im "Exzellenzcluster Vergleichendes Dosenstechen". Zu Semesterbeginn wird es ein "Exzellenzsaufen" geben, zur Einstimmung auf das geplante Protestsemester. Auch der Fanclub will offensiv weitermachen. Einladungen, dem beizutreten, wurden bereits an hochrangige Politiker versandt. "Das soll ja alles seriös wirken", heißt es mit Augenzwinkern. (Karin Jirku/DER STANDARD Printausgabe, 4. März 2008)

  • Sitzstreiks, Flitzer, "Studentenschießen" (siehe Foto) oder die klassische Großdemo mit Megafon und Plakat - diese trostlosen, platten und unoriginellen Proteste sind bald passé.
    foto: standard/corn

    Sitzstreiks, Flitzer, "Studentenschießen" (siehe Foto) oder die klassische Großdemo mit Megafon und Plakat - diese trostlosen, platten und unoriginellen Proteste sind bald passé.

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