Oscar: Mangelverteilung als "Filmpolitik"

23. April 2008, 12:23
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Nach dem ersten Auslandsoscar für einen österreichischen Film sollte die Politik endlich aufwachen - Ein offener Brief von Josef Aichholzer

Sehr geehrte Frau Bundesministerin Claudia Schmied, Sehr geehrter Herr Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny,

unser Film "Die Fälscher" hat den Auslandsoscar gewonnen, unser Team und viele mit uns freuen sich, und die Frage, wie sich der Film in Österreich entfalten kann, ist aktueller denn je. Die österreichische Filmpolitik steht auf drei Säulen, dem Bund, der Stadt Wien und dem ORF. Für Erstere sind Sie beide unmittelbar verantwortlich. Reden wir!

Das Filmförderungsgesetz 1980 hat es ermöglicht, aus einem darniederliegenden Filmschaffen eine vitale Filmbranche zu entfalten. Seit zehn Jahren zeigt sie nachhaltig ihre Vitalität und gewinnt internationale Anerkennung. Der jetzige Oscar-Gewinn kann als Krönung und Bestätigung bezeichnet werden.

Zugleich ist die Filmpolitik, also Bund und Stadt Wien, gefordert, Aufgaben zu erfüllen, denen sie seit einem guten Jahrzehnt nicht nachkommt: den Nachwuchs an den Markt heranführen, den Mittelbau stärken, die Vielfalt sicherstellen, Stoffe und Genres entfalten lassen, die Spitze fördern, "strategische Konzepte zum Filmstandort Österreich" entwickeln. Schlicht: ein Konzept samt Strategie und Budget in die Hand zu nehmen. In einer Ho-ruck-Aktion hatte der damalige Bundeskanzler Viktor Klima ("Chefsache Kunst") 1998 100 Mio ÖS in die Hand genommen, um einen Beginn zu setzen.

Seither warten wir ...

Fortgesetzter Irrtum

Seit zehn Jahren wird filmpolitisch die Verteilung des Mangels praktiziert. In diesen Jahren hat sich in manchen Kreisen der Irrtum breitgemacht, die Verteilung des Mangels sei Filmpolitik. Man diskutiert öffentlich darüber, ob eher künstlerische oder kommerzielle Filme gefördert werden sollen. Man diskutiert, ob eher wenige Projekte mit mehr Mitteln oder mehr Projekte mit weniger Mitteln ausgestattet werden sollen. Und man praktiziert dies in der tagtäglichen Filmförderung!

Man wird keinem Fußballteam folgenden Unsinn zur Disposition stellen: Trainieren wir nur den Tormann oder nur das Mittelfeld? Es ist eine bizarre und leider auch desaströse Logik, es ist die Absenz von Filmpolitik. Dies schadet und hemmt das österreichische Filmschaffen seit zehn Jahren.

Filmpolitik verhält sich budgetpolitisch in einem der reichsten Industrieländern so, als lebten wir in der Nachkriegszeit.

So werden Ressourcen des österreichischen Filmschaffens Jahr für Jahr filmpolitisch mutwillig vergeudet. Dies lässt sich am besten anhand von konkreten Beispielen deutlich machen: Ein junger österreichischer Regisseur mit internationalem Renommee hatte ein brillantes Drehbuch mit einer hochgradigen Besetzung, zu dem ich als engagierter Produzent dazustieß. Vier gute Gründe, das Projekt zu unterstützen.

Jedoch: Die Jury des Bundes lehnte eine Unterstützung ab, der Regisseur, Ernst Gossner, stellte den Film, South of Pico, ohne österreichische Beteiligung mit Privatinvestitionen fertig. Der Film wurde beim Pan African Festival in Los Angeles mit drei Preisen ausgezeichnet, darunter mit jenem für die beste Regie. Die österreichischen Medien jubelten über den "österreichischen" Erfolg. Der Regisseur war für eine längere Zeit in seinem Schaffen blockiert, weil er zunächst seine privaten Investitionen decken musste. Und dies ist nur ein Beispiel unter vielen.

Wer trägt für das Fehlurteil der Jury die Verantwortung? Die Jury? Nein. Sie gibt ihre Einschätzung ab und trägt weiter keine Verantwortung. Die Fördereinrichtung? Nein. Die Fördereinrichtung hat die Aufgabe, die Anträge laut Richtlinien der Jury vorzulegen. Wo ist die Verantwortung der Politik? Was tut sie, um den Schaden zu beheben? Sie steht im Abseits.

Gibt es überhaupt eine filmpolitische Verantwortung, für die Sie persönlich stehen?

Bleiben wir beim Film Die Fälscher. Während andere Partner sich zum Film bekennen und Unterstützung anbieten, etwa Herr Lorenz vom ORF, etwa der deutsche Kulturbeauftragte bei der Berlinale, war von Ihnen kein Sterbenswort zu hören; weder bei der Nominierung zur Berlinale noch zum Oscar. Erstaunt zeigte sich letztlich der amerikanische Verleihchef unseres Films, als aus Österreich nach der Oscar-Nominierung keine Kontaktaufnahme bezüglich Marketingmöglichkeiten des österreichischen Films erfolgte, was bei anderen Ländern bisher selbstverständlich war.

Die Oscar-Nominierung hatte für Sie offensichtlich nichts mit österreichischer Filmpolitik zu tun.

"... nicht zur Gänze"

Im Kurier vom 27. 2. ist auf die Frage, welchen österreichischen Film Kulturministerin Schmied zuletzt gesehen hat, zu lesen: "Die Fälscher. Auf DVD, wenn auch nicht zur Gänze."

Gnädige Frau, damit brüskieren Sie das gesamte Team. Der Film ist seit einem Jahr am Markt. Es ist dies zugleich ein Affront der gesamten österreichischen Filmkultur gegenüber. Zusätzlich untergraben Sie mit solchen Aussagen die Bemühungen weiter Teile der Filmbranche, dem Publikum Lust aufs Kino und insbesondere auf den österreichischen Kinofilm zu machen.

Der Ministerin genügt ein Blick in eine DVD, um den Oscar-Film ausschnittweise zu sehen. Es ist erschreckend, wie in diesem banalen Satz das Ausmaß Ihrer filmpolitischen Absenz zum Ausdruck kommt. Dass die von Ihnen zitierte Ziffer von 641.000.- Euro, mit denen das ÖFI den Film gefördert habe (es waren 526.600.- Euro) nicht stimmt, ist nicht weiter von Belang.

Die von Ihnen genannte Ziffer hätte lediglich ermöglicht, dass wir einen Monat vor Drehbeginn nicht um die offene Ausfinanzierung zittern hätten müssen und die Produzenten nicht mit privatem Risiko die Drehvorbereitungen sicherstellen hätten müssen.

Ihrer beider persönliche filmpolitische nachhaltige Absenz bedingt, dass keine Konzepte vorliegen, der Mangel fortgeschrieben wird und Strukturen filmpolitischer Verantwortung vermisst werden.

Filmpolitik, einst als Apanage für einzelne Künstler gedacht, ist in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts europaweit zu einer wirtschafts- und strukturpolitischen Aufgabe geworden. Mittlerweile sind wir im 21. Jahrhundert angekommen, die Welt wurde zum globalen Dorf, alles ist überall, und alles ist gleich. Filmkultur wurde daher zu einer strategischen Aufgabe, dem Land nach innen und außen ein eigenständiges Gesicht zu geben.

Es sind nicht mehr die Sängerknaben und Sound of Music, die unsere Identität im Ausland bestimmen, es sind dies Hanekes und Ruzowitzkys, die dies für Österreich leisten.

Herr Bundeskanzler, Herr Finanzminister, schlagen Sie ein neues Kapitel in der österreichischen Filmpolitik auf. Der Oscar-Gewinn zeigt, was in unserem Filmland möglich ist. (Josef Aichholzer)

Zur Person:
Josef Aichholzer (aifilm), war vor Stefan Ruzowitzkys "Die Fälscher" u. a. auch Produzent von Ruth Beckemanns Dokumentation "Jenseits des Krieges".
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    Erfolg und Augenauswischerei - hier in anderem Zusammenhang: Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky wurde gestern bei seiner Rückkehr am Flughafen Schwechat gefeiert.

  • Josef Aichholzer, Produzent von "Die Fälscher".
    foto: aifilm

    Josef Aichholzer, Produzent von "Die Fälscher".

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