Endlich Opfer sein dürfen!

12. März 2008, 16:41
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Sonntag und Montag versenkt Joseph Vilsmaier in ORF und ZDF "Die Gustloff" - Atmosphärisch dicht, politisch bedenklich

Auf diesem Schiff gibt es keine Bordkapelle, keine pompösen Galadiners, keine Fracks und auch keine knisternden Ballkleider. Als das deutsche Flüchtlingsschiff "Wilhelm Gustloff" am 30. Jänner 1945 um 12.30 Uhr in Gotenhafen mit Kurs auf Kiel und mehr als 10.000 Menschen ausläuft, sind von Anfang an Not und Verzweiflung an Bord. Nur das tragische Ende ist da wie dort gleich: Donnernde Wassermassen bringen den Passagieren des Flüchtlingsschiffes wie einst der unglücklichen "Titanic" den eiskalten Tod. Und, ab Sonntag, einen weiteren Beitrag im Film- und Fernsehgeschichtsbuchabschnitt "Monumental".

Frauen und Kinder

Joseph Vilsmaier hat den Untergang der Gustloff fürs TV in zwei Teilen verfilmt. Jenes Schiffs, das in den tiefwinterlichen Jännertagen vor der Roten Armee flüchtende Frauen und Kinder in Sicherheit bringen sollte und dann von einem sowjetischen U-Boot abgeschossen wurde. Womöglich, weil Sabotage im Spiel war.

Vilsmaier sieht im Untergang des Schiffs symbolisch die menschliche Katastrophe. Was die Passagiere verbindet, ist ihr tiefes Misstrauen zueinander: Kapitän Hellmuth Kehding (Kai Wiesinger) misstraut seinem Bruder, dem Kapitänleutnant Harald (Heiner Lauterbach). Der wiederum hält Hellmuths Verlobte Erika (Valerie Niehaus) und deren Cousin, den Maat Haagen (Detlev Buck) für Saboteure. Lilli (Dana Vavrova) misstraut der Wehrmacht, die ihren Sohn (Willi Gerk) einziehen will. Und alle misstrauen dem karrierebesessenen Korvettenkapitän Petri (Karl Markovics).

Als Literaturnobelpreisträger Günter Grass 2002 in seiner Novelle "Im Krebsgang" die Geschichte der Gustloff in die Erinnerung zurück brachte, entbrannte eine Diskussion inwieweit Deutsche sich als Kriegsopfer sehen dürfen. Sechs Jahre und eine Fußball-WM später, in der die Deutschen von der lange verbotenen Frucht des Nationalstolzes kosteten, bleibt diese Diskussion diesmal völlig aus. Filme wie "Die Gustloff" müsse man machen, um sie der nächsten Generation zu hinterlassen, erklärt Vilsmaier. Die neuen fiktiven Bilder der Geschichtsschreibung kommen ohne Dämonisierung des Nazi-Regimes aus. Filme wie "Der Untergang" oder "Speer und Er" zeigten "menschliche Seiten" Hitlers. Auch bei Vilsmeier dröhnt aus dem Volksempfänger nicht der rasende Verführer, sondern ein ruhig argumentierender Stratege.

"Ihr-wir-Mentalität"

Dabei ist "Die Gustloff" ein Film, den es gar nicht mehr geben dürfte. Deutschlands NS-Vergangenheit sei "weithin erzählt", erklärte der ZDF-Historiker Guido Knopp vergangenen Herbst Hitler im TV für beendet. In Zukunft interessiere jüngere deutsche Geschichte, Mauerfall, Kalter Krieg - auch Geschichte unterliegt der Mode. Dass "Die Gustloff" die Aufmerksamkeitsschwelle schaffte, liegt am zur Zeit beliebten TV-Genre Katastrophenfilm. Meist steckten plumpe Rassismen dahinter, wies der US-Soziologe Mike Davis für in Los Angeles spielende nach. Das will man der "Gustloff" nicht unterstellen. Die "Ihr-wir-Mentalität" funktioniert aber. Wir Deutsche gegen euch Russen.

Letztere kommen direkt aus der Hölle. Aus dem Hinterhalt taucht das U-Boot auf, die Besatzung, bestehend aus schwitzenden Teufeln in blutrotes Licht getaucht, bringt die Vernichtung. Selbst der moralisch verrottete NSDAP-Mann kann da nicht mithalten, als die Bombe trifft. Solche Stereotype muss man vor der "nächsten Generation" verantworten. (Doris Priesching, DER STANDAR;D Printausgabe, 1./2.3.2008)

  • Am Ende sind alle gleich: Heiner Lauterbach erstarkt auf der sinkenden Gustloff zum Helden.
    foto: zdf/klein

    Am Ende sind alle gleich: Heiner Lauterbach erstarkt auf der sinkenden Gustloff zum Helden.

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