"Fette Bergmilch, Almduft und Alpen"

14. März 2008, 17:18
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Schokoholiker Werner Meisinger im derStandard.at- Interview über den Mythos der Schweizer Schokolade

Die Schweizer sind Weltrekordhalter im Schokoladevertilgen – und auch bei uns lässt einem der Gedanke an Süßes aus dem Nachbarland das Wasser im Mund zusammenlaufen. Kein Wunder, gilt "Schweizer Schokolade" doch als eine der besten überhaupt. "An diesem Mythos ist nicht mehr viel dran", meint Werner Meisinger, Präsident des Wiener Chocolate Lovers Club. Die Schweiz hat seiner Meinung nach den Anschluss an die Elite der Kakaobohnenveredler verpasst. Warum, erklärt er im Interview mit derStandard.at. Die Fragen stellte Nicole Bojar.

derStandard.at: Dürfen die Schweizer tatsächlich von sich behaupten, dass ihre Schokolade zu den weltbesten gehört?

Meisinger: Nein. Die Schweizer dürfen nur mit Fug und Recht behaupten, die Schokoladekultur, so wie wir sie heute in Europa kennen, begründet und gefördert zu haben – da stehen große Namen dahinter wie Nestlé oder Lindt. In den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts haben die Schweizer allerdings den Aufbau der Schokoladeindustrie forciert: Genuss- und Gourmetschokoladen sind damit verloren gegangen. Die wahren Zentren der Tafelschokoladenkultur – nicht des Konfekts – liegen heute in Frankreich, Italien, Spanien und auch Deutschland.

derStandard.at: Andere Länder haben die Schweiz also überholt?

Meisinger: Was den Konfekt angeht, sieht die Sache anders aus: Was Sprüngli oder Honold in Zürich machen, ist ganz große Weltklasse. Es gibt auch Chocolatiers in der Schweiz, die ganz hervorragende Tafelschokoladen oder Couverturen produzieren, wie Felchlin oder Beschle. Aber die Revolution der reinsortigen Schokoladen, die sehr aufwendig und sorgfältig in Kleinauflagen gefertigt werden – die hat die Schweiz nicht mitgemacht. Wenn große Unternehmen hochprozentige Schokoladen auflegen, schwimmen sie zwar auf einem Erneuerungstrend mit, sind aber nicht innovativ.

derStandard.at: Können sich die Österreicher von den Schweizern in Sachen Schokoproduktion etwas abschauen?

Meisinger: Schokoladeerzeugung, die dem Prinzip der Genussschokolade entspricht, findet man in Österreich nur in zwei Betrieben: Bei Manner und bei Sepp Zotter – nur die beiden produzieren von der Bohne weg. Das ist in der Schweiz anders. Allerdings kann man Österreich nicht mit der Schweiz vergleichen: Wenn dort Lindt die Maschinen anwirft, wird dort in ein paar Stunden soviel Schokolade von der Bohne erzeugt, wie in Österreich in einem Jahr.

derStandard.at: Gibt es objektiv gute Schokolade?

Meisinger: Es gibt keine objektiv gesehen gute Schokolade, weil Geschmack ja subjektiv ist. Bei einem Warentest hat etwa billige Handelsware die besten Plätze belegt – dabei wissen wir alle, wie sie erzeugt werden muss, um um diesen Preis ins Regal zu finden. Wichtig ist die Nachvollziehbarkeit des Produkts: Von welcher Plantage kommt der Rohstoff, aus welcher Bohne wird die Schokolade hergestellt, wie wird sie fermentiert. Bei einem Kakaogehalt von über 70 Prozent, entsteht ein Produkt mit einer gewissen Identität. Das ist bei Industrieschokolade nicht der Fall. Sie ist auf ein großes Publikum ausgerichtet. Massenprodukte dürfen keine Kanten und Ecken haben.

derStandard.at: Wie weit ist die Schweiz in ihrem Geschäft vertreten?

Meisinger: Felchlin und Beschle bieten wir sehr gerne an. Vor Jahren kam der Handelsattachee der Schweiz zu uns. Mit einem Blick, der jedem Besset alle Ehre gemacht hätte, bedauerte er, dass die Schweiz so unterrepräsentiert wäre. Wir würden gerne mehr in unserem Sortiment aufnehmen, er konnte uns dabei aber auch nicht weiterhelfen. Man kann jetzt aber nicht sagen, dass es in der Schweiz keine gute Schokolade gibt: Beschle hat hervorragende Milchschokoladen, wirklich hervorragend. Das derzeitige Angebot von Genussschokoladen aus der Schweiz entspricht aber nicht dem Ruf, den die Schweizer Schokolade hat. Das ist vorbei.

derStandard.at: Die Schweizer essen ihre Schokolade also nur noch aus Nationalstolz?

Meisinger: Die Schweizer halten beim Schokoverzehr den Weltrekord, sie haben den größten Pro-Kopf-Verbrauch. In den Chocolate Lovers Club und ins Xocolat kommen aber immer wieder Schweizer, die sagen: Solche Schokoladen sollte es auch bei uns geben. Die Schweiz kann bei Schokoladeerzeugung und –angebot nicht mehr mithalten. Ich sage das nur ungern, denn der Mythos „Schweiz und Schokolade“ besteht ja immer noch: Da ist die Assoziation mit fetter Bergmilch und Almduft und Alpen. (Nicole Bojar/derStandard.at/02.03.2008)

Zur Person Werner Meisinger (54), Schokoholiker, ist der Betreiber des Wiener Schokoladenkontors Xocolat und Präsident des Chocolate Lovers Club. Dieser Verein mit mehreren hundert Mitgliedern hat sich unter anderem die "Verbreitung des Wissens um gute Schokolade" zum Ziel gesetzt und bietet seinen Mitgliedern ein umfangreiches Degustationsprogramm. Außerdem berteibt Meisinger eine Werbeagentur und ein Redaktionsbüro.

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(Mitglieder frei, Gäste Euro 20,-; Anmeldung unter www.chocolateloversclub.at )

  • Romana Mahr und Werner Meisinger in ihrem Schoko-Tempel Xocolat
    foto: christian fischer für xocolat

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    foto: christian fischer für xocolat

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