First-Class-Begräbnis für die "Qualitote"

21. Februar 2008, 20:44
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Das Problem des ORF wird immer virulenter: Wie ertrinkt man nicht im Seichten? Kommentar der anderen von Bernhard Morawetz

Das Problem des ORF wird immer virulenter: Wie ertrinkt man nicht im Seichten, angesichts der Tatsache, dass der heimische Markt klein ist und der Küniglberg gleichzeitig von einem Ruf leben muss, den man nur mit anspruchsvollem Programm erwerben kann? Anmerkungen zu einem ewigen Balanceakt.

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Qualität und Quote spannen das Seil beim Balanceakt der öffentlich-rechtlichen Programmgestaltung des ORF. Seit einiger Zeit schlingert beim TV das Seil. Die Marktanteile sackten ab, unabhängig von der Qualität des Programms.

Die Aufregung darüber ist berechtigt. Die vielen Diskussionen befassen sich jedoch mit allem, nur nicht mit dem Kern, dem Programm selbst. Und wenn, dann nur oberflächlich. Auch benutzen diverse Interessensgruppen die Krise, um ihr eigenes Süppchen zu kochen. Und der Gusto auf ein Filetstück des ORF ist wieder da. Dem ist entschieden entgegenzuwirken.

Die Quotenorientierung ab Mitte der 90er-Jahre war zunächst erfolgreich, aber ein süßes Gift. Damit einher ging nämlich ein stetiger Imageverlust, der via Meinungsführer langsam in die Gesellschaft einsickerte. Quote ohne Qualität führt nach einem Anfangserfolg also langfristig zu Publikumsschwund quer durch alle Programme, zu einer Spirale nach unten. Als Wortspiel: Qualitote. Im Seichten kann man sehr wohl ertrinken, wenn der Markt klein ist und wenn man von seinem Ruf (Gebühren) leben will oder muss.

Ursache und Wirkung des Imageverlustes liegen zeitlich auseinander. Dies gilt leider auch in umgekehrter Richtung für den Imageaufbau. Der jedoch ist für das ORF-TV überlebenswichtig. Das Radio macht es vor: Ö1 sorgt für gutes Image, deshalb stellt auch niemand Ö3 infrage. Wirtschaftlicher Erfolg, gepaart mit hoher Akzeptanz könnte erreicht werden, wenn man auf der Tastatur der beiden TV-Kanäle plus Spartenkanal gekonnt spielte. Dazu folgende exemplarische Gedanken.

Gesucht: Kontinuität

Programmachern ist manchmal bereits fad, wenn das Publikum erst begonnen hat, sich an einzelne Sendungen zu gewöhnen. Fixe Sendezeiten berühren die zeitlichen Abläufe im Alltag. Etablierte Sehgewohnheiten zu zerstören ist Leichtsinn.

Als gravierendes Beispiel sei hier das Kippen der zweistündigen Sendefläche "Willkommen Österreich" genannt. Inhaltlich und formal hätte man sie unbedingt auffrischen müssen. Doch sie funktionierte wie eine Fischreuse.

Die vielen Programmhäppchen ermöglichten einen fließenden Einstieg auf die Rolltreppe zum Hauptabend. Bei größeren, geschlossenen Programmteilen fehlt der Handlungsfaden und man zappt leichter weg. Gravierend ist dies am Vorabend, dem Fundament des ganzen Fernsehabends.

Fertigmenüs sind nicht sexy

Wie kann TV das junge Publikum erreichen? Heute ist dies noch schwieriger als schon bisher. Die auf jung getrimmten Informationssendungen im Fernsehen sind gut gemeint und wirken altbacken. Mit Händen in der Hosentasche cool zu moderieren ist auch zu wenig – und zudem anbiedernd. Die Beiträge kommen fertig abgepackt daher wie eh und je. Fertigmenüs sind einfach nicht sexy. Was tun?

Ein Beispiel, das jeder kennt, weist den Weg. "Selber machen" sagt das Kind, wirft den ihm gebauten Turm aus Bauklötzen um und macht sich lustvoll ans Werk.

Auf Informationssendungen (Magazine) übertragen hieße dies: Dekonstruktion. Also vorgefertigte Informationsgebilde und Mythen zu zertrümmern und sie in einer Redaktionswerkstatt neu aufzubauen. Das könnte die spannende Aufgabe einer Nachwuchsredaktion sein.

Der Recherchevorgang, die Suche nach 'Wahrheit', der Lernprozess, die Diskussion in der Redaktion, die Irrwege und das gelungene Resultat werden zu Teilen der Berichterstattung. Lernziel: das Begehren, der Wissensdurst. Die richtigen Fragen zu stellen ist für Jugendliche allemal wichtiger und genuin interessanter als das Überhäuftwerden mit vorgefertigten Informationshappen. Letzteres macht geistig bloß impotent.

Avantgardistischer Mut und Persönlichkeitsstärke haben den ORF groß gemacht. Möge er sich dieses Teils seiner Vergangenheit erinnern! Das neue Jugendmagazin wäre eine Informationsküche, in der keine "convenient news" produziert werden, sondern mit frischen (interaktiven?) Zutaten und unkonventionellen Rezepten ein vielleicht nicht immer genüssliches, jedoch sicherlich stets interessantes Menü entstünde. Ein semiaktuelles Tages- oder Wochenmagazin dieser Art wäre lehrreich für den Umgang mit der Informationsflut und ein Beitrag zu einer neuen Informationsökologie und Medienkulturtechnik. Also zukunftsweisend.

Nicht erschrecken, lieber ORF, auch ältere Menschen würden dabei gerne zusehen! Denn was die Marketingpriester unter jugendlichen Interessen und Themen verstehen, ist ohnehin zum Teil Kitsch. Radikal formuliert: Es gibt keine Jugendthemen, es geht um die Herangehensweise!

"Wien 500 km". Der Schriftzug prangt über der Straße vor dem Grenzübergang von Oradea/Rumänien in Richtung Ungarn. Wien ist ein positiver Fixpunkt im Bewusstsein auch junger Menschen in Mittel- und Osteuropa. Der ORF hatte eine eigene Osteuropa-Redaktion und anerkannte Expertise für diesen Raum. Nach Ende des Kalten Krieges sperrte er seine ständig besetzten Büros in Warschau und Prag zu. Ein Anachronismus.

Auch heute könnte der ORF sich als Kompetenzzentrum für diesen aufstrebenden Teil Europas profilieren. So knapp vor der Haustüre weiße Flecken auf der geistigen Landkarte beackern zu können ist doch ein historischer Glücksfall für ein Medienunternehmen! Und das vor dem Hintergrund der gemeinsamen Geschichte.

Eine Aufarbeitung, gemeinsam mit Experten der Nachbarn, könnte helfen, alte Phantomschmerzen zu lindern und neue Wege zueinander aufzubereiten. Ein Kraftakt, wie bei den Portisch-Dokumentationen täte not. Wirtschaft und Kunst sind längst in diesem Raum. Bewusstsein und Informationsstand hierzulande hinken beschämend weit hinterher.

Qualität oder Nichtsein

Fazit: Der ORF muss Kompetenz zurückgewinnen. Er hat sie in Person engagierter und begabter Mitarbeiter. Dieses Kapital darf er nicht brachliegen lassen.

Mehr echte Innovation, Themenführerschaft statt ängstlichen Nachahmens, dann werden Autorität und Image wieder steigen. Neben Mut, klugem Eigensinn und Hingabe braucht ein Erfolg Geduld. Die wird der ORF eingeräumt bekommen, wenn er eine schlüssige, wegweisende und offensive Programmstrategie vorlegt. Wird er wieder mit hochwertigen Informationssendungen gleichgesetzt (sie sind auch weit kostengünstiger als gute Unterhaltung), wird sich niemand an den quotenorientierten Programmteilen reiben. Die Qualitote kann man nur erstklassig begraben. (Bernhard Morawetz/DER STANDARD, Printausgabe, 22.2.2008)

Zur Person
Bernhard Morawetz war ORF-Redakteur Ausland/Wissenschaft 1983–1996. Medienexperte und Entwickler von Online- Applikationen.
m1x.com, Wien.
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