Nan Goldin lässt grüßen

22. Februar 2008, 12:47
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Satire auf den Kunstbetrieb: Tina Lanik inszeniert Mark Ravenhills "Pool" im Akademietheater

Wien – Wie sehr der eigene Körper als Verwertungsobjekt für die Kunst taugt, davon haben Aktionisten nicht nur im Kellergeschoß des Mumok Zeugnis abgelegt. Yves Klein hat mit seinem berühmten Sprung ins Leere sogar den eigenen Tod als Kunstwerk in Betracht gezogen. Und die US-amerikanische Künstlerin Nan Goldin hat sich mit dem Ablichten verletzter Körper ihrer New Yorker Freunde und Kollegen einen Namen gemacht. Sie war Impulsfigur für Mark Ravenhills Stück "Pool" (kein Wasser), das am Sonntag (19 Uhr) im Akademietheater Premiere hat.

Goldin hat sich nicht nur dem Vorwurf des Voyeurismus ausgesetzt. Mark Ravenhill fokussiert vor allem auf den hässlichen Gedanken, vom körperlichen Leid anderer künstlerisch zu profitieren. In seiner vierstimmigen, auf die Sprecher A, B, C und D aufgeteilten Erzählung, im Original pool (no water), übersetzt von John Birke, lässt sich eine Künstlergruppe vom unbedingten Erfolgswillen dazu verleiten, die beim Sturz ins trockene Becken schwer verletzte Freundin als Kunstobjekt zu betrachten.

Ein Missgeschick, das ebenfalls auf Goldin verweist, die beim Fotografieren in ein leeres Schwimmbecken fiel. Die fragwürdige und langwierige Genesung der namenlosen Protagonistin wird am Krankenbett fotografisch und filmisch dokumentiert. "Wir denken schon Interviews – Ausstellung – Katalog – Verkauf." Als die Schwerverletzte aber aus dem Koma erwacht, dreht sie den Spieß um und nützt das Material für ihr eigenes Label. Das Stück ist zweierlei: Satire auf den Kunstbetrieb und Kritik am Kunstkapitalismus.

Der zukünftige Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann hat seine deutschsprachige Erstaufführung im Vorjahr in Zürich als heiteren Bilderreigen angelegt. Tina Lanik, die Regisseurin in Wien, betrachtet es als klassischen Schauspielertext. "Man kann den Text nicht kommentieren, das macht ihn kleiner. Man muss eine ganz andere Spielebene finden, die mit der Geschichte nichts zu tun hat. Zum Beispiel: Wem erzählen die vier die Geschichte eigentlich?"

Mark Ravenhill, am Sonntag im Akademietheater auch live dabei, hat mit Shoppen und Ficken den Theaterton der 90er-Jahre angegeben. Mit Pool (kein Wasser) wird klar, dass die Brachialdramatik auch in Großbritannien vorbei ist. Und dennoch fröstelt dieser Text, der "vor allem von vier Menschen erzählt, die in einem System nicht weitergekommen sind. Sie hatten sich die Kunst und ihre Ideale ein bisschen anders vorgestellt", so Lanik.

Tolle Mischung

"Das Stück ist zwar abstrakter, aber dennoch eine tolle Mischung, weil eine tolle Geschichte, und trotz der Entindividualisierung bietet es erkennbare Figuren." Der Trend am Stückemarkt geht für Lanik derzeit erkennbar in Richtung Realismus, siehe etwa Verbrennungen von Wajdi Mouawad oder Motortown von Simon Stephens, die ebenfalls am Akademietheater laufen.

Die mit heutigem Datum 34-jährige Theaterregisseurin (und verhinderte Politikwissenschafterin) wurde zuletzt für ihre Inszenierung von Brechts Im Dickicht der Städte am Münchner Residenztheater hochgelobt. Ein Haus, dem sie unter Dieter Dorn bereits einige Erfolge bescherte. Begonnen hat ihre Laufbahn allerdings als Sportreporterin bei der Stuttgarter Zeitung. "Da habe ich die unmöglichsten Sportarten kennengelernt, musste immer dorthin, wo niemand anderer hinwollte!" Mit dem Akademietheater dürfte die Adresse jetzt aber stimmen. (Margarete Affenzeller / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.2.2008)

  • Tina Lanik inszeniert am Akademietheater.
    foto: standard /cremer

    Tina Lanik inszeniert am Akademietheater.

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