Von wegen Veilchen!

22. Februar 2008, 14:18
1 Posting

Wenn schon, dann geht die Schneerose den Blumen all voran, sagt Ute Woltron

Es gibt Leute, die es sich zum Hobby gemacht haben, in alten, schon aufgelassenen und über die Jahre komplett überwucherten Bauerngärten nach besonderen Gewächsen zu suchen. Was sie dort so gut wie immer finden, sind die ledrig-dunkelgrünen Blätter der Schneerosen.

Jede Bäuerin der Alpenregionen zog die im Sommer völlig unscheinbare Pflanze, weil sie viel früher blüht als alle anderen Blumen. Liegt noch Schnee und Eis - auf die Schneerose (Helleborus niger) ist immer Verlass. Die kleine Pflanze - sie wird maximal 25 Zentimeter hoch und rund ebenso viele Jahre alt - blüht meist zwischen den Monaten Februar und April, doch in manchen Jahren entwickelt sie sogar schon im Dezember ihre zarten weißen Blüten, was ihr im Volksmund die Bezeichnung Christrose eintrug.

Es ist ein eigenartiger und irgendwie berührender Anblick: Mitten im Schnee treibt ein kleines Gewächs völlig unberührt von Eis und Kälte wunderhübsche und gar nicht kleine Blüten.

Rote Liste

Die Schneerose hat mit den echten Rosen natürlich nichts zu tun, sie gehört zur Familie der Hahnenfußgewächse, gedeiht noch in einer Seehöhe von fast 2000 Metern und kommt von den mitteleuropäischen Kalkalpen bis zum nördlichen Balkan vor.

Früher grub man die Pflanze in lichten Wäldern und am Waldrand aus und verpflanzte sie in den Garten - doch das ist heute nicht mehr anzuraten. Denn zum einen gilt das Gewächs als gefährdet und steht zumindest in Deutschland auf der Roten Liste - in Österreich ist die Schneerose ebenfalls teilweise als geschützt eingestuft (so etwa in Oberösterreich -, zum anderen hat mit der sich in den vergangenen Jahren deutlich intensivierenden Hobbygärtnerei auch der Handel die Schneerose wiederentdeckt, und diverse Verwandte der wilden Blume können legal erworben und daheim nach dem Frost eingebuddelt werden.

Die Gattung, der die Schneerose angehört, ist die Nieswurz, und diese untergliedert sich in zwei Dutzend Arten. Die gezüchteten, gekreuzten Exemplare blühen in verschiedenen Formen und Höhen und in den Farben Weiß, Cremegelb bis hin zu prächtigem, dunklem Lila. Die Pflanzen mögen Kalkböden sowie lichten Schatten und bilden, in Gruppen gepflanzt, einen allerliebst anzuschauenden Frühstart in das Gartenjahr.

Abführende Wirkung

Der Begriff Nieswurz ist ebenfalls nicht weit hergeholt: Früher verwendete man die getrocknete Wurzel als Schnupftabak, und aus der dunklen Färbung derselben erklärt sich auch der lateinische Namenszusatz "niger", der angesichts der weißen Blüten ja auf den ersten Blick irgendwie verfehlt scheint.

Das Schneerosenwurzelpulverschnupfen ist aber nicht unbedingt die empfehlenswerteste Variante der Nasensäuberung, denn die Pflanze ist giftig. Ihr Name "Heleborus" setzt sich aus den griechischen Vokabeln "helein" (töten) und "bora" (Speise) zusammen, und ihre extrem abführende Wirkung wusste zum Beispiel bereits Solon, der alte Hellene, für seine Zwecke zu nutzen.

Als er mit seinen Truppen im Jahr 600 vor Christi Geburt die Stadt Kirrha belagerte, soll er das Bächlein, das die geplagten Stadtbewohner mit Trinkwasser versorgte, so lange mit Nieswurzpulver gewürzt haben, bis die Belagerten allesamt von Durchfällen und anderen Zuständen dermaßen geschwächt waren, dass sie sich nicht nur über- sondern auch ergeben mussten. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/22/02/2008)

Tipp:
Im Gegensatz zu anderslautenden Informationen ist die Schneerose in allen Pflanzenteilen giftig, man sollte sie also erst dann im eigenen Gärtlein ziehen, wenn die Kinder groß genug und so gescheit sind, nicht mehr alles in ihre kleinen Mäuler zu stopfen. Angeblich ist bereits der Genuss von drei Samenkapseln der Pflanze tödlich. Symptome: Schwindel, Durchfall, Herzlähmung. Also keine Experimente!
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Schneerose hat mit den echten Rosen natürlich nichts zu tun, sie gehört zur Familie der Hahnenfußgewächse.

Share if you care.