Albtraum Schöpfung

26. Februar 2008, 13:27
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In der Wiener Albertina werden erstmals seit vielen Jahrzehnten die 184 Originalcollagen zu Max Ernsts legendärem Bilderroman "Une semaine de bonté" gezeigt

Wien – Und wieder ist die Kunstgeschichte um ein Geheimnis ärmer geworden: Zum Auftakt in der Albertina, später dann im Max-Ernst-Museum in Brühl und in der Hamburger Kunsthalle werden erstmals seit 72 Jahren alle Original-Collagen zu Max Ernsts Bilderroman Une semaine de bonté (Die weiße Woche) gezeigt. Das begleitende Buch – Werner Spies erzählt darin die Geschichte des Romans ohne Worte – macht Die weiße Woche. Ein Bilderbuch von Güte, Liebe und Menschlichkeit (deutscher Originaltitel) nun auf Dauer einsehbar. Max Ernst hat die 184 Collagen während eines Urlaubes im Sommer 1933 in nur drei Wochen angefertigt. Im Original ausgestellt war der vollständige Zyklus lediglich einmal; 1936 in Madrid kurz vor Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs.

Als Referenz an den trivialen Fortsetzungsroman erschien Une semaine de bonté im Lauf des Jahres 1934 in fünf Teilen in Paris. Der ursprüngliche Plan, jedem Tag der surreal umgedeuteten Schöpfungswoche einen eigenen Band zu widmen, scheiterte an den Kosten. Das zugrunde liegende Bildmaterial entstammt französischer Trivialliteratur vom Ende des 19. Jahrhunderts, deren Inhalt vielfach Eifersucht, Mord und Totschlag war.

Diese "Groschenromane"waren häufig mit Holzschnitten illustriert, die Max Ernst als Basis für seine Collagen dienten.

Max Ernst lässt die Woche ganz blasphemisch mit einem Sonntag beginnen – einem Sonntag, an dem zumindest die Evolution arbeitet. "Urschlamm" wird dem wüsten Treiben im Bild als Element zugeordnet, der Löwe von Belfort zieht als gutes schlechtes Beispiel mordend, lärmend, eitel und lüstern durch Szenen voller Gewalt, Sehnsucht und Perversion.

Dem Schema folgend sind jedem Wochentag je ein "Element" und ein "Beispiel" zugewiesen. Da findet sich Ödipus berauscht von Blut in Welten wieder, die zu gleichen Teilen von Franz Kafka und Francisco de Goya erdacht worden sein könnten. Da treffen "Schwarz", das "Lachen des Hahns" und die Osterinseln hochdramatisch aufeinander. Da lodert dienstags das Feuer im Drachenhof. Da zeigt sich "Schöpfung" von ihrer unbiblischen Seite. (Markus Mittringer, DER STANDARD/Printausgabe, 20.02.2008)

  • Max Ernst, "Une semaine de bonté", ein surrealistischer Bilderroman von 1934.
    foto: isidore ducasse foundation, albertina

    Max Ernst, "Une semaine de bonté", ein surrealistischer Bilderroman von 1934.

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