"Anschläge gegen Israel? Ja, natürlich"

14. März 2008, 17:04
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Hamas-Führer Musa Abu Marzook im STANDARD-Interview: Palästinenser werden ihre Rechte niemals für Geld verkaufen

Wegen der Hamas-Angriffe aus dem Gazastreifen wird eine israelische Offensive immer wahrscheinlicher. András Szigetvari erfuhr von Hamas-Führer Musa Abu Marzook, warum die Hamas einen Waffenstillstand will, aber den jüdischen Staat nicht anerkennen wird.

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STANDARD: Die Position der Hamas zu Israel ist verwirrend. In der Hamas-Charta wird die Vernichtung Israels propagiert. Die Hamas-Führer sprechen in Interviews aber immer wieder von einer möglichen Koexistenz. Wollen Sie Israel nun zerstören?

Marzook: Unsere Position vor den palästinensischen Wahlen (im Jänner 2006, Anm.) war, dass wir ganz Palästina ohne Beschränkung auf den Gazastreifen und das Westjordanland befreien müssen. Aber nachdem wir durch die Wahlen Teil des politischen Systems wurden, teilen wir mit den anderen Palästinenserfraktionen die Position, dass wir einen Staat im Gazastreifen, Westjordanland und Jerusalem errichten müssen und dann einen Waffenstillstand mit Israel schließen. Aber das bedeutet nicht, dass wir die anderen Ziele, wie die Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge, vergessen haben.

STANDARD: EU und USA wollen die Hamas nur anerkennen, wenn die Gruppe ihrerseits Israel anerkennt.

Marzook: Die Hamas bekommt die Anerkennung nicht von den USA und Europa, sondern von den Palästinensern. Wir suchen nicht jemanden, der uns als Repräsentant anerkennt, sondern fragen uns, wie man über eine Organisation, die bei den letzten Wahlen 62 Prozent der Stimmen bekommen hat, sagen kann, dass da nur Fanatiker drinsitzen. Und wieso der Westen die Menschen in Gaza, die ohne Medikamente und Nahrungsmittel leben und unter den israelischen Luftangriffen leiden, im Stich lässt.

Ein Beispiel: Ich habe hunderte Politiker aus Europa getroffen. Sie fragen mich immer nach Gilat Shalit (von der Hamas entführter israelischer Soldat, Anm.). Ich habe nie eine Frage über die 1000 von Israel in den vergangenen zwei Jahren getöteten Palästinenser gehört.

STANDARD: Wegen der Angriffe aus dem Gazastreifen denkt Israel über einen Einmarsch nach.

Marzook: Die Israelis werden das Gebiet nie wieder besetzen. Sie würden einen sehr hohen Preis dafür zahlen.

STANDARD: Aber wie geht es weiter?

Marzook: Was wir wollen und worum wir die Fatah von Präsident Mahmud Abbas bitten, ist, eine Einheitsregierung mit uns zu bilden. Das ist der einzige Weg. Aber wir wissen, dass das nicht die Entscheidung von Abbas ist. Das ist die Entscheidung der USA und Israels: Und die sagen ihm, dass sie den Friedensprozess stoppen werden, wenn er mit uns spricht.

STANDARD: Was denken Sie über die in Annapolis gestarteten Verhandlungen zwischen der Fatah und Israel?

Marzook: Abbas dachte, dass ihm die Verhandlungen mit den Israelis einige Früchte einbringen werden. Aber er hat gar nichts bekommen, außer Geld. Und die Palästinenser werden ihre Rechte niemals für Geld verkaufen. Es gibt keinen Weg, dass die Israelis Abbas das Westjordanland geben werden. Die Gespräche haben keine Zukunft.

2008 wird überhaupt nichts für die palästinensische Agenda passieren. US-Präsident George Bush war hier, hat viel versprochen und nichts gemacht. Die Israelis bauen die Mauer weiter und erniedrigen die Regierung von Abbas.

STANDARD: Im Februar hat die Hamas seit langem wieder die Verantwortung für einen Selbstmordanschlag übernommen. Wird die Hamas weitere Anschläge gegen Israel durchführen?

Marzook: Ja, natürlich. Es ist das Recht der Palästinenser, sich selbst zu verteidigen. Wir können den Palästinensern nicht sagen: „Haltet still, während die Israelis euch töten.“

Ich kann nicht sagen, hört auf zu kämpfen. Sie können die Palästinenser auch nicht dafür beschuldigen, mit welchen Mitteln sie kämpfen. Wir haben eben keine Raketen wie die Israelis. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.2.2008)

Auf einen Plausch mit der Hamas
Das Treffen mit Hamas-Führer Musa Abu Marzook findet in einem kleinen, aber gut gesicherten Haus in einem Vorort von Damaskus statt. In den vergangenen Jahren hat Israel eine Reihe von Hamas-Führern umgebracht, darum der große Aufwand. Das Gebäude, wo Marzook Gäste empfängt, ist baufällig, aber überall sind Kameras angebracht. Am Eingang wird kontrolliert wie am Flughafen: Jeder Besucher muss einen Metalldetektor passieren und seine Sachen abgeben, auch der Pass wird kontrolliert. Um eine Ortung des Handys zu erschweren, wird es in eine Metallschachtel gelegt.
  • Zur PersonDer in Rafah geborene Musa Abu Marzook ist Vizechef des Hamas-Politbüros in Damaskus. Der Ingenieur ist damit hinter Khaled Meschaal der zweite Mann der Auslands-Hamas. Marzook lebte lange in den USA und organisierte von dort aus die Finanzierung der Gruppe.

    Zur Person

    Der in Rafah geborene Musa Abu Marzook ist Vizechef des Hamas-Politbüros in Damaskus. Der Ingenieur ist damit hinter Khaled Meschaal der zweite Mann der Auslands-Hamas. Marzook lebte lange in den USA und organisierte von dort aus die Finanzierung der Gruppe.

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