Voll integriert – putziger Austrodjihadismus

21. März 2008, 14:52
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Zum Gefängnisbrief eines Chefagitators - Kommentar der anderen von Robert Misik

Österreich, so sagt das Klischee, ist ja so gemütlich, dass selbst die Revolutionäre zu gemütlich sind, um Revolution zu machen. Ja, man kann sich eigentlich in Österreich gar nicht vorstellen, dass sich die Ümstürzler von der ortstypischen Gemütlichkeit nicht anstecken lassen.

Gelegentlich kann man sich da täuschen, wie die schöne Anekdote über den österreichischen Politiker Heinrich Graf Clam-Matinic illustriert, der seinerzeit auf die Aussichten einer Revolution in Russland lachend antwortete: „Wer soll die denn machen? Vielleicht der Herr Bronstein aus dem Café Central?“ Der Herr Bronstein hat sie, unter seinem „nom de guerre“ Leo Trotzki, dann tatsächlich gemacht.

Al-Kaida zum Lachen

In aller Regel fährt man aber bestens, wenn man sich an das Klischee hält. Der linke Siebzigerjahre-Terrorismus brachte es hier nur zu einer Klamauk-Guerilla, deren Heldentaten sich in der Entführung eines Strumpffabrikanten erschöpften, und auch die örtliche Al-Kaida ist zum Lachen.

Ein Zeitdokument ersten Ranges findet sich im dieswöchigen profil, eine wahre Pretiose österreichischer Nationalkultur: der Brief der österreichischen Al-Kaida-Unterstützer an die Justizministerin. Man erinnert sich noch, mit wie viel Trara im September die Propagandazelle der „Global Islamic Media Front“ ausgehoben wurde. Jetzt liest man im Brief des mutmaßlichen Chefagitators Mohamed Mahmoud und seiner mitinhaftierten Ehefrau:

„Wir sind eine Jungfamilie und Österreichs Politik stand immer für Familienförderung. Sogar wenn wir Terroristen bzw. Verbrecher sind, so denken wir, dass man daran arbeiten sollte, uns in die Gesellschaft wieder zu integrieren und uns ein anderes Leben zu ermöglichen. Österreich war immer ein Vorbild in verschiedenen Bereich, wie z.B. Ihr Sozialsystem, also lassen Sie auch Österreich für die Behandlung von Terror Probleme bzw. Sicherheitsprobleme ein Vorbild sein (...) Sie sind unsere einzige Hoffnung.“

Man muss das nur mit den markigen Sprüchen vergleichen, mit denen die Djihadisten anderswo auftrumpfen: „Ihr liebt das Leben aber wir lieben den Tod.“ In Österreich lieben sogar die Vorstadt-Djihadisten das Leben. Und die Familienförderung. Und setzen ihre Hoffnung statt auf den Wahl-Afghanen bin Laden auf die Oberösterreicherin Maria Berger.

Es ist ein gutes Land. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.2.2008)

Robert Misik ist Publizist und lebt in Wien; jüngste Buchveröffentlichung: "Das Kult-Buch. Glanz und Elend der Kommerzkultur"; Ende Februar erscheint: "Gott behüte! Warum wir die Religion aus der Politik raushalten müssen" (Ueberreuter).

FS-Misik
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