München darf nicht Wien werden

12. Februar 2008, 16:22
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Der Ausländer-Anteil in Schulklassen ist nicht nur eine Sache der Bildungspolitik: Stadtplanung als Integrationsmaßnahme

"Sie brauchen keine Angst zu haben, dass die Moldawier Sie scharenweise überrennen werden. Wir sind nämlich schon da", scherzt Valeriu Ostalep, Vize-Außenminister der Republik Moldau, für den Fall, dass sein Land einmal der EU beitreten sollte. Eine große Zahl habe das Land bereits verlassen und verrichte heute in Italien und Spanien Jobs, die in den jeweiligen Staaten nicht besetzt werden könnten.

Österreich ist von der moldawischen Migration großteils unberührt geblieben. Sollte aber auch die allgemeine Zuwanderung - wie im Vorjahr - weiterhin sinken, könnte das Land bald Probleme bekommen: "Wir werden in Europa künftig nicht umhin können, aktiv Zuwanderer anzuwerben", betonte auch Rainer Münz, Migrationsforscher bei der Erste Bank, im Rahmen der Tagung "Migration – Integration" des Europäischen Forums Alpbach am Montag in Salzburg.

Wenige potenzielle Eltern

Die Gesellschaft altert, und auch noch so findige Geburtenanreize könnten daran kaum etwas ändern, ist Münz überzeugt: "Der Geburtenrückgang hält schon zu lange an – es fehlt heute einfach an jungen Leuten, die Eltern werden können", so der Forscher. Fazit: Die EU braucht MigrantInnen, um diese Lücke zu füllen.

Wenn Migration eine Notwendigkeit ist, dann wird Integration zur Pflicht: Denn dass Zugewanderte und Ansässige so miteinander leben, dass alle zufrieden sind, passiere nicht automatisch, "wir müssen das auch richtig gestalten", sagt Rudolf Stummvoll, Leiter der Stelle für interkulturelle Arbeit und Migration in der München Stadtverwaltung.

"Münchner Mischung"

In München scheint das zu gelingen - zumindest was die Stadtplanung betrifft: Zugewanderte und hier geborene Familien leben Wohnung an Wohnung, es gibt keine Ausländerghettos. Das ist kein Zufall, sondern politischer Wille. Stummvolls Abteilung ist neben allgemeinen Integrationsfragen nämlich auch für den Wohnbau in München zuständig und greift aktiv integrativ ein: Will ein Investor beispielsweise ein großes Wohnhausprojekt realisieren, muss er einen Teil seines Projektertrags dafür zweckbinden, dass es in dem Objekt eine Mindestquote an geförderten Wohnungen geben wird – oder einfacher gesagt: Die Gemeinde definiert schon bei der Planung, wie die Wohnfläche aufgeteilt wird. Und sie bringt auf diesem Weg bestimmte Zuwanderungs- oder Einkommensschichten gezielt in Umgebungen unter, die von "schicht-fernen" Gruppen besiedelt sind – die Stadtregierung nennt das "Münchner Mischung".

Dass diese Politik auf Kritik stößt, ist klar. Es sind vor allem "gemischte" Wohnprojekte in hochpreisigen Lagen, die immer wieder Kopfschütteln auslösen – die Stadt verschenke teures Geld an Menschen, die auch mit weniger Wohnqualität zufrieden wären, so einer der Kritikpunkte. Die knappe Reaktion der Stadtregierung: Eine "Zwei-Klassen-Gesellschaft mit Luxus- und Armutsvierteln" sei in München eben nicht erwünscht.

Gespräch mit Handwerkern

Zurzeit tingelt Integrations-Leiter Stummvoll von Kirchenversammlung zu Sozialverein, von Handwerksverband zu Bürgerversammlung, um mit Menschen zu reden: Die Stadt hat ein Integrations-Leitbild erstellt, das als Richtschnur für künftige politische Entscheidungen dienen soll. Stummvoll soll nun Kritikpunkte einsammeln, Verbesserungsvorschläge einarbeiten, aber vor allem Gedanken anregen: Alle sind eingeladen, über ein besseres Miteinander nachzudenken. Der Dienststellen-Leiter war erstaunt über das Echo: "Es gibt so gut wie keinen Gegenwind, viele sind bereit, sich hier zu engagieren", konstatiert er.

Chefsache

Möglicherweise hänge das damit zusammen, dass der Münchner Bürgermeister Integration zur Chefsache erklärt hat und sich öffentlich auch immer wieder dazu bekennt, vermutet Heinz Fassmann, Professor für Raumforschung am Geographie-Institut der Uni Wien. In Wien fehle dieses Engagement – und anders als in München werde hier kaum öffentlich darüber diskutiert, "welchen Teil der Stadt ich wem geben möchte", kritisiert Fassmann.

Ein Leitbild nach Münchner Vorbild müsse her. Ob das nicht reines Papierwerk sei, das dann in Schubladen verschwindet? "Nein", meint der Professor im derStandard.at-Gespräch: "An so einem Leitbild wird ja ein, zwei Jahre gearbeitet. Da sind extrem viele verschiedene Menschen daran beteiligt, die versuchen, Gemeinsamkeiten zu entwickeln" – und allein dieser Prozess bewirke schon viel. Außerdem mangle es der Stadtpolitik an einem handfestem Konzept für Integration – nicht zuletzt, um der Ausländerhetze von Rechts etwas entgegen zu setzen.

Wien hat Macht

Wien habe stadtplanerisch bisher zwar "nicht so große Fehler" gemacht und es gebe eine "gewisse Mischung". Dennoch: "Wenn in bestimmten Schulen ein sehr hoher Anteil an Kindern aus Zuwandererfamilien sitzt, dann ist das ein Problem, das man nicht verleugnen darf" – und zwar ein stadtplanerisches. "Der Vorschlag der ÖVP, die Kinder im Schulbus in andere Bezirke zu karren, ist doch Blödsinn. Da muss man schon in der Wohnungsverteilung schauen, dass sich die Ausländer nicht so sehr im 10. oder im 11. Bezirk konzentrieren." Das sei übrigens leichter, als man glauben könnte: "Die Stadt Wien hat hier unglaublich viel Spielraum." Schließlich sei sie nicht nur Stadt, sondern auch Bundesland, sie entscheide über Einbürgerungen, verfüge über ein üppiges Budget und besitze 30 Prozent der Wohnungen. Fassmann: "Was den Einfluss der Stadt betrifft, mache ich mir keine Sorgen." (Maria Sterkl, derStandard.at, 16.05.2007)

  • Dass bestimmte Stadtteile zu "Ausländervierteln" werden, ist kein Zufall - sondern politische Entscheidung
    foto: standard/corn

    Dass bestimmte Stadtteile zu "Ausländervierteln" werden, ist kein Zufall - sondern politische Entscheidung

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