Ansichten eines Literaturschreihalses

11. Februar 2008, 16:16
2 Postings

Das Leben des französischen Weltliteraturautors Louis-Ferdinand Céline bleibt nach wie vor ein Skandalon — der trotzdem nach Lektüre heischt

Auf seiner Grabplatte am Friedhof in Meudon steht Louis-Ferdiand Céline (1894–1961) gleich zweimal verzeichnet: als Céline, das weltberühmte Autoren-Ekel, das der französischen Literatur eine bis dato nicht gekannte Ladung an Ressentiment verpasst hatte. Als Romancier, der die gehetzte Sprache der Vorstadt um so köstliche wie bedenkliche Neuschöpfungen bereicherte.

Céline, Autor der Reise ans Ende der Nacht, brachte in seinen Tiraden aber auch einen unbändigen, nicht einzubremsenden Moderne-Hass an die Leser. In seiner von Auslassungspunkten durchschossenen Sprache, die sirrt, als wäre sie straff auf Kupferdrähte gespannt, trägt die Abneigung gegen alle Erscheinungen der Massenkultur noch einmal die Maske des Hohns zur Schau. Célines Schimpf – das ist das Gezeter einer von Entwurzelung und Entfremdung bedrohten Kleinbürgergesinnung, die wenigstens auf dem Papier ein allerletztes Mal glaubt, die Dolche wetzen zu müssen.

Der Grabstein trägt noch eine zweite Aufschrift: Céline, der rasende Antisemit, der als Kollaborateur und Parteigänger der Vichy-Regierung vor den deutschen Besatzern buckelte, ordinierte eine Zeitlang auch als Armenarzt in Paris – als "Docteur L.F. Destouches", der als Hygieniker beim Völkerbund Verwendung gefunden hatte, in der eigenen Praxis aber nicht genügend Patienten zusammenbekam, um seine Profession auch wirklich auszuüben. Was für ein Leben: In Céline, dem Zeterer, der, halbwegs rehabilitiert, in den 1950ern die Medien zuverlässig mit Brocken eines um und um gekäuten Unflats bediente (und die Techniken der öffentlichen Selbstinszenierung um Jahrzehnte vorwegnahm), fand eine auf Katastrophen eingestimmte Kultur ihren bitterernsten, stets anrüchig bleibenden, unberechenbaren Existenzialclown.

Eiserne Fiktionalisierung

Es ist Ulf Geyersbachs Bildmonografie gar nicht hoch genug anzurechnen, dass sie Destouches’ alias Célines Werdegang tatsächlich nicht nur als Irrweg, sondern als grotesken Lebensroman nacherzählt: als eine Abfolge sorgfältig konstruierter Lebensabschnitte, in denen die Spuren von Herkunft und Werdegang absichtsvoll verwischt wurden. In der wechselseitigen Bedingtheit eines eisernen Fiktionalisierungswillens, der das Leben literarisiert, die schöne Literatur aber den Zumutungen der Gosse aussetzt, werden die Konturen eines Schreibprojekts sichtbar, in dem der Ton der Abrechnung jede schöngeistige Anwandlung im Keim erstickt. Céline, der unfassbaren Hass gerade gegen die Juden gesät hat, ist schwer zu ertragen – und Autor Geyersbach gerät absehbar auch dann ins Schwimmen, wenn er die "Gesinnungen" dieses rücksichtslosen Fauns gegen die stilistische Brillanz des singulären Autors gleichen Namens aufrechnen muss. Dergleichen Bruchrechnungen ändern nichts am zentralen Befund: In einem Sprachkreis, der die ästhetisierende Prosa eines Ernst Jünger bereits für den Gipfel der Zweideutigkeit hält, ist Célines Romanwerk ein schwer zu bezwingendes Zentralmassiv. Skandalös bleiben freilich auch die Übersetzungsverhältnisse – da ist, mit Blick auf Célines Spätwerk, noch sehr viel zu tun. (Ronald Pohl, ALBUM/DER STANDARD, 09./10.02.2008)

Ulf Geyersbach, "Louis-Ferdinand Céline". € 8,50/160 Seiten. Rowohlts Monografien, Reinbek bei Hamburg 2008.
  • Artikelbild
    cover: rowohlts monografien
Share if you care.