Kopftuch des Tages: Träger vieler Botschaften in Raum und Zeit

14. März 2008, 17:10
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Was im Koran nicht steht, wurde von - männlichen - Juristen nachgeliefert

So weit kommt es noch, dass wir diese gänzlich profane Rubrik zur Koranauslegung benützen! Nein, deshalb dazu nur so viel: So eindeutig ist die Sache eben nicht, wie das Kleidungsstück, von dem in der islamischen Offenbarung (im Wesentlichen an zwei Stellen, mit unterschiedlichen Wörtern) die Rede ist, aussehen und worüber genau es sich die Musliminnen ziehen sollen. Ganz zu schweigen von der Kontextfrage. Und was das alles 14 Jahrhunderte später bedeutet.

Was im Koran nicht steht, wurde von - männlichen - Juristen nachgeliefert. Und so haben wir eben die Situation, dass heute ganze Länder ihre islamische Identität vor allem über den Zustand der weiblichen Köpfe - auch derer, die keinen Musliminnen gehören - definieren: Was wäre etwa auf den Straßen Teherans eklatant "islamisch" außer der Bekleidung der Frauen?

Zuerst zur sogenannten islamischen Welt: Nicht zufällig ist die Kopfbedeckung dort ein Thema, bei dem der säkulare Nationalismus im 20. Jahrhundert versucht hat, es den Frauen mit Gewalt vom Haupt zu reißen - im Iran, wo die Islamische Revolution 1979 der Debatte ein Ende setzte, und in der Türkei, wo die Verbannung aus den staatlichen Institutionen jetzt mit der Zulassung in Universitäten abzubröckeln beginnt. Zum Kummer vieler Säkularisten und Säkularistinnen, die gleichzeitig auf eine Normalisierung hoffen: Was nicht verboten ist, ist - gerade unter Jungen - nicht mehr so interessant.

Denn das Kopftuch ist Träger vieler Botschaften - gerade in nichtislamischen Gesellschaften tendiert man dazu, unter dem Tuch nicht nur einen frommen, sondern einen politisierten Kopf zu vermuten: Träger der islamischen Gefahr. Etwas empathischer ist die Interpretation "unterdrückt" (und zu dumm, es zu merken).

Zweifellos steht die Verhüllung historisch für die Segregation. In der Geschichte der islamischen Gesellschaften konnte sie je nach Ort und Zeit jedoch Unterschiedliches bedeuten, vor allem war sie ein sozialer Indikator (je reicher und urbaner, desto verschleierter). Aber auch für die Gegenwart ist der Befund nicht eindimensional. Für manche der unter das Kopftuch gezwungenen iranischen Frauen wurde erst in diesem "islamisch einwandfreien" Zustand die Eroberung des öffentlichen Raums möglich.

Zeit und Ort bestimmten auch Name und Details der Bedeckung, deren sich heute vermehrt Modemacher annehmen. Der Anspruch, die Frau quasi unsichtbar zu machen, ist ja längst aufgegeben, gerade im Westen erreichen Kopftuchträgerinnen das Gegenteil. Trotzdem halten sie fest am Tabu der "Blöße", zu der Frauenhaar gehört - nicht nur im Islam, sondern auch im orthodoxen Judentum. Und zur Papstaudienz geht man auch noch nicht lange oben ohne. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 8.2.2008)

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