Der erste virtuelle Präsident

6. Februar 2008, 20:06
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Wie das Web 2.0 den Wahlkampf mitbestimmt - Von Karl Staudinger

Am 28. Jänner, kurz nachdem George W. Bush seine Rede zur Lage der Nation im US-Kongress beendet hatte, postete Barack Obama ein Video auf YouTube, in der er in kurzen Worten vorstellte, welche Art von Präsident - im Gegensatz zu Bush - er sein möchte. Seither ist dieses Video öfter als eine Million Mal aufgerufen worden. Das Musik-Video Yes we can von Obama-Unterstützern aus der Musikszene zählt seit 2. Februar 1,7 Mio. Views. Insgesamt hat Obama bis Anfang Februar im Rahmen seiner Wahlkampagne in seinen Channel auf YouTube knapp 600 Videos hochgeladen, die zusammengerechnet zwölf Millionen Mal angeschaut wurden.

Das Web 2.0 als Wahlkampfarena ist im laufenden Präsidentschaftswahlkampf eine Selbstverständlichkeit. Alle KandidatInnen sind zumindest in den wichtigsten Social Networks (MySpace, Facebook, etc.) präsent und nutzen über diese Plattformen und ihre eigenen Websites das Internet, um ihre AnhängerInnen und Zielgruppen zu informieren, zu vernetzen, in ihre Kampagne einzubeziehen und zu mobilisieren.

Nicht nur in den Kampagnen, auch in den Diskussionen zur Präsidentschaftswahl zeigt sich, dass die politische US-Öffentlichkeit zu einem wesentlichen Teil im Internet stattfindet und dass dieser Teil sich immer intensiver mit den traditionellen Medien verschränkt: Facebook führt gemeinsam mit dem Fernsehsender ABC Debatten mit KandidatInnen durch, CNN veranstaltete gemeinsam mit YouTube eine Debatte, in der die KandidatInnen per Video eingesandte Fragen beantworteten.

Während bei der YouTube-TV-Debatte die Fragen von JournalistInnen ausgewählt worden waren, führte die zivilgesellschaftliche Initiative "10 questions" eine Umfrage unter YouTube-UserInnen durch und forderte die KandidatInnen auf, zu den zehn am besten bewerteten Videos ein Antwort-Video zu posten. 121.000 BürgerInnen beteiligten sich an der Auswahl der Videos, 28.000 bewerteten die Antworten der KandidatInnen. Einer der eifrigsten unter den Kandidaten war übrigens der Republikaner Mike Huckabee, der in Iowa zeigte, wie man mit wenig Geld eine Vorwahl gewinnen kann.

Die progressive Bürger-Plattform MoveOn führte eine Abstimmung durch, welchen Kandidaten die Plattform unterstützen soll, innerhalb eines Zeitraums von 24 Stunden gaben 280.000 Mitglieder ihre Stimme ab. Ein Match, bei dem Obama 70 Prozent der Stimmen abräumte.

Bricht in den USA ein neues goldenes Zeitalter der Demokratie an, gestützt auf die neuen Techniken der politischen Kommunikation 2.0? Garret M. Graff, Webmaster Howard Deans in dessen Kampagne von 2004, zeichnet in seinem Buch "The first Campaign" diese Perspektive.

Spenden übers Internet

Einige Aspekte der neuen politischen Öffentlichkeit sind tatsächlich erstaunlich und faszinierend:

Die Möglichkeit, übers Internet Wahlspenden zu sammeln, hat Ausmaße erreicht, die die Abhängigkeit von großen Spendern für manche KandidatInnen praktisch beendet. Barack Obama hat in der laufenden Wahlauseinandersetzung laut FEC bis Ende 2007 über 100 Mio. Dollar von Einzelpersonen gesammelt. Gleichzeitig verliert Geld durch die veränderte Medienlandschaft an Bedeutung. Äußerst positiv ist auch das neue politische Interesse von Schichten zu bewerten, die sich bisher von Politik ferngehalten haben.

Freilich generiert nicht das Web selbst das politische Interesse. Vielmehr besteht ein ausgeprägtes politisches Bedürfnis nach einem Wandel, und einige charismatische Persönlichkeiten entsprechen diesem Bedürfnis und bieten ihm eine Plattform. Der Inhalt spielt auch im Web eine untergeordnete Rolle, die emotionale Botschaft - vom mutigen Soldaten McCain über die Tränen Hillarys bis zur Heilung der Nation durch Obama - scheint der Hauptmotor der Aufmerksamkeitsmaschine zu sein.

Mit Blick auf Amerika lässt sich auch für unsere Öffentlichkeit voraussagen, dass die verschiedenen "Medienorgeln" unseres Landes wesentlich mehr Konkurrenz vom Web erwarten dürfen, als das derzeit noch der Fall ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.2.2008)

Karl Staudinger ist Politikberater und Online-Trainer.
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    Das Internet als Bürgerforum zu Wahlkampfzeiten: Zwei Schauspieler gehen für ihre Web-Show "Travis and Jonathan: Red State Update" in Position.

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