Fall Kampusch wird neu aufgerollt

8. Februar 2008, 19:21
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Nach 24 Stunden wurde Innenminister Günther Platter nach den Anschuldigungen doch aktiv - Evaluierungs-Kommission eingesetzt

Vierundzwanzig Stunden hat Innenminister Günther Platter (VP) gezögert – am Tag nach den aufsehenerregenden Anschuldigungen von Herwig Haidinger im Fall Natascha Kampusch wurde er schließlich doch aktiv. Eine "Evaluierungskommission" soll nun die Ermittlungen "objektiv untersuchen und beurteilen", ohne "vorher direkt darin involviert gewesen zu sein", hieß es Mittwochnachmittag in einer Aussendung des Innenministeriums.

Mitglieder der Kommission

Ganz stimmt das allerdings nicht, denn in dem dreiköpfigen Gremium, das spätestens in vier Monaten Bericht an Platter erstatten soll, sitzt auch der Kriminalpsychologe Thomas Müller. Und der hatte in der Causa Kampusch ein Täterprofil des damals noch unbekannten Entführers erstellt. Die beiden anderen Mitglieder der Kommission: Mathias Vogl, derzeit Leiter der Rechtssektion des Innenministeriums und als nächster Generaldirektor für öffentliche Sicherheit im Gespräch, sowie Rudolf Kepplinger, Polizeijurist aus Linz.

Das Trio wird damit wohl die Arbeit erledigen, die Haidinger nach der Flucht der heute 19-jährigen Kampusch geplant hatte. Und die ihm nach seiner Darstellung von der damaligen Innenministerin Liese Prokop (ÖVP) verboten worden war (siehe Wabl: "Es kommt alles irgendwann ans Licht"). Wobei besonders die Frage nach dem zweiten Hinweis auf Wolfgang Priklopil interessant sein wird.

Edelbacher bestreitet Hinweis

Der damalige Chef des Wiener Sicherheitsbüro, Maximilian Edelbacher, bestreitet im Gespräch mit dem Standard, dass ein derartiger zweiter Hinweis bei den sogenannten Rapport-Sitzungen ein Thema gewesen sei. Auch ein weiterer Polizist, der damals an dem Fall gearbeitet hat, kann sich nach zehn Jahren nicht mehr erinnern, ob es einen präziseren Tipp in Richtung Priklopil gegeben habe. Allerdings: "Diese Diskussion gab es auch schon nach der Flucht. Selbst wenn wir eine Hausdurchsuchung gemacht hätten, ist nicht klar, ob wir das gut getarnte Versteck überhaupt entdeckt hätten." Für Natascha Kampuschs Anwalt Gerald Ganzger steht eine Amtshaftungsklage gegen die Republik im Bereich des Möglichen: "Wenn sich herausstellen sollte, dass man Frau Kampusch aufgrund des Hundeführer-Hinweises auf Wolfgang Priklopil acht Jahre früher befreien hätte können – und dass Verschulden der Behörden vorliegt, weil man ihm nicht nachgegangen ist –, so werden wir klagen", präzisiert er im Gespräch mit dem Standard.

"Einige Ungereimtheiten"

Davor müssten jedoch noch "einige Ungereimtheiten" abgeklärt werden. Etwa die Frage, wie anonym der Hinweisgeber auf Priklopil im Jahre 1998 aufgetreten sei. Die Antwort darauf könne einen Hinweis darauf geben, wie sehr man den Tipp damals hätte ernstnehmen müssen. So werde der Mann im Lauftext des von Haidinger vorgelegten Berichts-Faksimiles als "anonymer Anrufer" bezeichnet, auf der Seite unten stehe hingegen "nur für den Handakt", dass es sich um einen Hundeführer der Polizei handle. "Warum, verstehe ich nicht", sagt Ganzger. Kampusch habe ihm den Auftrag erteilt, "die Sachlage ausführlich zu prüfen – "und wir haben keinen Zeitdruck".

Auf ihrem Weg in ein normales Leben könne das neuerliche Interesse an ihrer Entführungsgeschichte Kampusch "neuerlich Prügel vor die Füße werfen", befürchtet der Psychiater Ernst Berger. Als Leiter der Abteilung für Jugendpsychiatrie der Psychosozialen Dienste in Wien betreut er die junge Frau weiterhin. In den Gesprächen mit ihr sei "das Thema, ob jemand sie hätte früher finden können und warum dies nicht geschah, immer wieder aufgetaucht. Jetzt wird es wieder in den Mittelpunkt rücken." Zwar sei Natascha Kampusch inzwischen "stabil genug", um dies auszuhalten. Eine wieder aufflammende Aufmerksamkeit der Medien jedoch "tut ihr sicher nicht gut", meint Berger. (Irene Brickner, Michael Möseneder; DER STANDARD Printausgabe 7.2.2008)

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    Wolfgang Prikolpils Haus: Sein Bewohner geriet schon 1998 als Kampusch-Entführer in Verdacht, doch dem diesbezüglichen Tipp wurde nicht nachgegangen

  • Pikant an der Evaluierungs-Kommission: Keplingers Vorgesetzter ist Andreas Pilsl, einer der vom ehemaligen Bundeskriminalamtschef Herwig Haidinger Beschuldigten.

Andreas Pilsls Karriere beschleunigte sich ab dem Jahr 2000 deutlich. Der oberösterreichische Gendarm wechselte ins BIA. Schon während dieses Jobs wurde er auch stellvertretender Kriminalabteilungsleiter in Oberösterreich. Ein Posten, den er behielt, obwohl er von Jänner 2003 bis Juni 2005 im Kabinett Prokop tätig war. Dabei soll er laut Haidinger in der Causa Bawag interveniert haben. Heute ist Pilsl Landespolizeikommandant Oberösterreichs.
    foto: standard/ bmi

    Pikant an der Evaluierungs-Kommission: Keplingers Vorgesetzter ist Andreas Pilsl, einer der vom ehemaligen Bundeskriminalamtschef Herwig Haidinger Beschuldigten.

    Andreas Pilsls Karriere beschleunigte sich ab dem Jahr 2000 deutlich. Der oberösterreichische Gendarm wechselte ins BIA. Schon während dieses Jobs wurde er auch stellvertretender Kriminalabteilungsleiter in Oberösterreich. Ein Posten, den er behielt, obwohl er von Jänner 2003 bis Juni 2005 im Kabinett Prokop tätig war. Dabei soll er laut Haidinger in der Causa Bawag interveniert haben. Heute ist Pilsl Landespolizeikommandant Oberösterreichs.

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    Natascha Kampusch muss sich jetzt die Frage stellen, ob ihr im Fall eines optimaleren Ermittlungsverlaufs acht Jahre im Verlies erspart worden wären

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