James Luther Dickinson: Der zärtliche Vulkan

5. Februar 2008, 14:43
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File under: Lebende Legende. James Luther Dickinson veröffentlicht das Album "Killers From Space". Anlass für eine längst fällige Eloge

Der bekannte US-Biograf Nick Tosches (Sonny Liston, Dean Martin, Jerry Lee Lewis ...) saß einst mit Dr. John und dem Produzenten von Atlantic Records, Jerry Wexler, zusammen und lauschte gemeinsam mit ihnen dem eben erschienenen Album Dixie Fried von Jim Dickinson (siehe: "Klassiker der Moderne" unten). Irgendwann sprang Jerry Wexler auf und adressierte sich mit ausgestreckten Armen gen Himmel: "Wenn Bob Dylan diese Platte gemacht hätte, sie würden ihn als wiederauferstandenen Messias feiern!"

Nun war Wexler zu diesem Zeitpunkt, wir schreiben das Jahr 1972, kein leicht zu beeindruckender grüner Junge mehr, sondern ein gestandener Produzent - einer der besten aller Zeiten! - und hatte mit Künstlern wie Ray Charles, Aretha Franklin, Wilson Pickett, Solomon Burke, Dusty Springfield, Led Zeppelin und vielen anderen gearbeitet. Wexler liebte die Musik des US-Südens: Blues, Jazz, Rhythm and Blues (das war seine Wortschöpfung!) und jede Musik, die aus den Hügeln und Sümpfen in den Studios von Memphis, Muscle Shoals oder New Orleans Einzug hielt. James Luther "Jim" Dickinson ist die Verkörperung dieser Einflüsse. 1941 in Arkansas geboren, startete er seine Karriere in den Sun Studios des Elvis-Entdeckers Sam Phillips. In den 60ern war er Mitbegründer der Dixie Flyers, einer Formation, die für etliche große Namen als Studioband fungierte. Etwa für Aretha Franklin oder die Stones.

Sessionmusiker und Produzent

In den 70ern nahm er nicht nur sein erstes Soloalbum auf, sondern wurde neben seiner Rolle als gefragter Sessionmusiker auch Produzent. Eine Tätigkeit, die ihm seit über 30 Jahren reichlich Brot und Butter einbringt. Vor allem junge Bands suchen immer wieder seine Dienste. Dickinson produzierte Big Star, Alex Chilton, Spiritualized, Primal Scream, Willy DeVille, Jon Spencers Blues Explosion, Green On Red, Tav Falco, The Replacements, Mudhoney und viele andere mehr. Seine Spezialität: die gezielte Nachlässigkeit, das Zulassen des falschen Tons. Was andere wegmischen, er kehrt es hervor. Das Leben ist unperfekt und schmutzig, so muss auch die Musik sein.

Dazu betrieb er die Mudboy & The Neutrons, mit denen er auf zwei Alben eine angesengte Kreuzung aus Boogie, Rock, Blues und Southern Soul spielte und die dann am besten war, wenn Dickinson seine rollende und grollende Stimme erhob, die mit zunehmender Körperfülle immer noch beeindruckender wurde. Nebenbei dokumentierte er alten Folk und Blues aus Memphis' Beale Street und aus dem Hinterwald.

Er veredelte Alben von seinem Fan und Freund Ry Cooder, schrieb mit John Hiatt die sehnsüchtige Grenzlandhymne Across the Borderline - und drückte für Bob Dylans Time out of Mind die Tasten. "Ich spiele Klavier wie ein Schlaginstrument", meinte Dickinson einmal. "Es macht einen enormen Unterschied, mit welchem Druck man das verdammte Ding bearbeitet. Niemand kann das besser als Jerry Lee. Er hat im kleinen linken Finger mehr Saft als ich in beiden Fäusten."

Elegant-schmieriger Country

Das ehrt diese heute in Mississippi lebende Ausnahmeerscheinung, sie stapelt damit aber tief. Auch sein Punch ist gewaltig, wie er seit 2002, als er - nach 30 Jahren! - sein zweites Soloalbum Free Beer (großartig) veröffentlichte, zeigt. Dem folgte Jungle Jim and the Voodoo Tiger (2006, zum Niederknien), Ende vergangenen Jahres erschien Killers from Space, auf dem ihn seine Söhne Cody und Luther von den North Mississippi Allstars unterstützen - oder er sie.

Wie schon auf dem Vorgänger interpretiert der unglaublich agile Dickie einige vergessene Perlen, die er von der Müllhalde seines Gedächtnisses hervorkramt und aufpoliert. Wir hören elegant-schmierigen Country (Texas Me), Ry Cooder'sche Balladen mit Soulchören und Brülltierstimme (Dirty on Yo Mama), schrägen Rhythm 'n' Blues mit Hörnern, fettem Beat und Kirchenorgel. Eigen ist allem die legere Art, mit der sich die Musiker die Songs erst Stück um Stück zurechtbiegen und justieren - fantastisch!

Wegen dieser Unschärfen geht dann auch in jedem Song die Sonne auf. Etwas zurückgelehnter als Jungle Jim ... zeigt sich dieser Wise Guy des Südens, dieser zärtliche Vulkan als mit all jenen Wassern gewaschen, die ihm immer nachgesagt werden. Einer der letzten seiner Art! Kniefall? Bauchfleck! (Karl Fluch/Rondo/ DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.02.2008)

James Luther Dickinson: Killers From Space
(Memphis International Records)
Zum Thema
Klassiker der Moderne - Jim Dickinson: "Dixie Fried"
  • So einen Opa hätte man gern. Jim Dickinson hat einiges erlebt - und zu erzählen. Aktuell poltert und rumpelt er Geschichten über "Killers From Space".
    foto: standard/memphis intern. records

    So einen Opa hätte man gern. Jim Dickinson hat einiges erlebt - und zu erzählen. Aktuell poltert und rumpelt er Geschichten über "Killers From Space".

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