Die Gefühlsregister ziehen

28. Jänner 2008, 18:15
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Auftakt im "Labor der Niederlagen" von Drama X mit "Der Mob – die:Gewerkschaft"

Wien – Streiken ist Glamour. Davon wissen die Dockarbeiter in Elia Kazans Filmklassiker Die Faust im Nacken anno 1954 noch nichts. In ihren ölverschmierten Hemden fühlen die von einer mafiotisch gelenkten Gewerkschaft (das gibt’s!) in Schach gehaltenen Hafenarbeiter lediglich die falsche Solidarität. Erst ein ungestümer Ex-Boxer (Marlon Brando) führt sie aus der geduldeten Unmündigkeit.

Theater im Theater: Ein von berufsüblichen Ermüdungserscheinungen gezeichnetes "Theaterteam" (gespielt von Barbara Gassner, Christian Kainradl, Katrin Kroencke und Thomas Reisinger) bemüht sich zwischen Kaffee und Kipferl, Die Faust im Nacken, dieses Drama des Aufbegehrens, für die Bühne zu erarbeiten. Man lernt sich kennen, beginnt mit Leseproben und trotzt ernüchtert dem Gefuchtel des willfährigen Regisseurs. Diese aufregende Probenzeit bleibt in Samuel Schwarz’ Regie allerdings auf Video gebannt. Wieder einmal ist man ins Theater spaziert, um dort auf die Leinwand verwiesen zu werden. Eine formale Konsequenz, die hier aber Sinn macht.

Weil: Streik. Gespielt wird nicht. Die "Schauspieler" solidarisieren sich mit den Autoren (Hollywood!) und fordern nichts weniger als die "Urheberrechte an den Gefühlsregistern". Von einer Gemeinschaft, in der alle das Gleiche wollen, sind sie mit ihrem Programm allerdings weit entfernt. Mit dem Bestreiken des Theaterbetriebs, in dem Elia Kazan irgendwann spurlos auf der Strecke bleibt, wechselt das Genre ins blutige Fach: Der Intendant wird mit dem Teppichmesser gekillt, der Regisseur zum "Selbstmord" bewogen, und irgendwann fallen auch die Streikaktivisten übereinander her. So ambitioniert das von Drama X (Harald Posch und Ali M. Abdullah) auf den Plan gehievte Stück Der Mob — die:Gewerkschaft formal auch ist, die Story hinkt ein wenig nach.

Den glamourösen Rahmen für die meuchelmörderische Schauspielergewerkschaftsfarce geben im Besucherforum der Wiener Linien (U3/U2 Station Volkstheater) silbrig glitzernde Lamettavorhänge ab. Und die auf Leinwand ihren Befreiungskampf in orangen Overalls führenden Terroristen drehen auf der mit Lerntafeln aus dem Streik-Workshop gesäumten Bühne in Abendgarderobe weihevoll und stumm ihre Ehrenrunden. Streiken ist Glamour.

Fazit: Die Globalisierung, die alle mit allen vernetzt und somit in gleicher Weise vereinzelt, sie verunmöglicht in der aufgeklärten Gesellschaft das gemeinschaftliche Denken und – noch viel mehr – das gemeinschaftliche Handeln. Ob das hier durchgesickert ist?Das Publikum hat’s mit von ein wenig Ratlosigkeit durchströmter Gefasstheit genommen. Die nächste Chance im Drama X-"Labor der Niederlagen" folgt mit The Cocka Hola Company am 7. Feburar. Zuvor gastieren diesen Donnerstag Die Präsidentinnen vom Thalia Theater Hamburg. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe, 29.01.2008)

  • Schauspiel auf der Leinwand, weil auf der Bühne gestreikt wird: Barbara Gassner.
    foto: newman

    Schauspiel auf der Leinwand, weil auf der Bühne gestreikt wird: Barbara Gassner.

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