gespenstergeschichte - Kathrin Röggla

27. Jänner 2008, 10:00
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er durfte sich auf den sessel setzen und zuhören. zuhören, wie es da zugeht, wie sie das machen, wie er funktioniert, der finanzalltag und wir hören jetzt nachträglich zu

hat er wirklich erlebt, hat er wirklich gehört, diese geschichte von den brokern, diese geschichte von den rennpferden, die auf uns losgelassen wurden, den söldnern, nein nicht sozialsöldern, finanzsöldnern, die es auch geben muss. dem hat er nicht nur zugehört, sondern er durfte sie auch ein bisschen sehen. er wurde ja in die handelssäle geführt, er wurde in die büros und chefetagen geführt, die cafeteria ganz oben, wo im prinzip nie jemand hingeht, weil man etwas besseres zu tun hat als im café zu sitzen. er hat diese architekturen erlebt, diese frankfurtarchitekturen, diese blicke von ganz oben auf die stadt ganz unten. er hat dort die dienstbaren geister erlebt, das personal, das durch die chefetagen geistert und alles richtet, er durfte sich auf den sessel gegenüber setzen und weiter zuhören. zuhören, wie es da zugeht, wie sie das machen, wie er funktioniert, der finanzalltag. und wir hören jetzt nachträglich zu. wir hören uns jetzt drei schritte weiter an, wie die da wirklich sind, in welchen häusern die da wohnen, welche riten die treiben, welche sprache sie sprechen, welche machtstrukturen da ausgebildet werden, tag für tag, und wir bilden mit, d. h. rein geistig, im nachvollzug.

er interessiert sich ja besonders, bemerken wir, für die ellbogentechniken, für den konkurrenzkampf, für die willkürentscheidungen. er braucht diese willkürentscheidungen für etwas, für was genau, wissen wir jetzt nicht, er hat so etwas shakespearesches im sinn, vermuten wir, er will was beweisen, was sich sicher noch zeigen wird. so bleiben wir stehen bei den willkürentscheidungen, die natürlich rein auf der personalebene anzusiedeln sind, und helfen, dort die atmosphäre zu stabilisieren, sie in ihrem prekären gleichgewicht zu halten, ja dieses gleichgewicht des ehrgeizes geradezu zu zementieren. jeder will der beste sein, gerade weil er weiß, dass letztendlich andere faktoren zählen: persönliche vorlieben, spaß der entscheider an der willkür selbst, wenn es um den jahresbonus geht, hören wir. den jahresbonus hören wir, das fette extra zum gehalt der broker und investmentbanker, auf das alle zuarbeiten, auf den letterday. ja, der letterday, verstehen wir und denken noch an briefe, während die schon längst an ganz andere dinge dächten und mit ihnen die immobilienmakler, die das schon wüssten und an diesem tag anriefen, und die autovertreter, die anriefen, und die freundinnen, die anriefen. und während wir noch an die vielen telefone denken, die klingeln, und an euphorische bestellungen, die beliebigen wohnungen und häusern gelten, sportwagen und schiffen, ist er schon längst wieder bei den paradoxien der macht und bei den geschwindigkeiten, die da koexistieren, den unterschiedlichen zeitformaten, in denen alles vorangeht im finanzalltag. wobei, so verabsäumt er nicht zu bemerken, alles unter dem label "spitzengeschwindigkeit" läuft. wir haben mühe, uns zu konzentrieren, auf diesen finanzalltag uns zu konzentrieren mit seinen derivaten und assets, mit seinen junk bonds und hedgefonds, die wir alle schon mal gehört haben und die sicher ein eigenleben führen in unseren köpfen, doch mitreden, so wie er, das können wir nicht.

ja, hat er wirklich gehört, ist er wirklich dort gewesen, wo diese dinge geschehen, wo sie sich ereignen, die entscheidungsvorgänge, die man ansonsten heute doch so sehr vermissen muss, wie es immer heißt, wo sie stattfinden, die wirklichen bewertungen, die auswirkungen haben, die harten facts in rasantem tempo, er hat sie sich angesehen, die innereien dieser welt, und hat dinge erfahren, die nicht viele wissen und die wir jetzt stolz weitererzählen: z. b. wie das neue deutsche bankgebäude in frankfurt praktisch leer stehe, weil die mitarbeiter aus london nicht nach frankfurt wollen, was wir prompt verstehen, denn wer will schon nach frankfurt? das bankgebäude, das wir jetzt betreten so nachträglich und auf diese weise keine spuren hinterlassen können - keine sorge, sagen wir ihm -, das bankgebäude, durch das wir nachdenklich wandern und uns fragen, ob es das gebäude ist mit dem berühmten pissoir ganz oben, wo man vermeint, auf die stadt frankfurt zu pinkeln, weil dieses pissoir ganz aus glas ist - was doch schon alles sagt! doch wir trauen uns nicht zu fragen, wir unterbrechen ihn ohnehin nicht, so wie er das manchmal mit anderen macht. nein, wir halten still und warten ab, was als nächstes passiert.

wer bestimmt die wirklichkeit

wir kommen schon wieder nicht mit, das sei das, was passiert, bemerkt er ärgerlich, wir interessieren uns für die falschen sachen und verstehen wohl nicht, auf was er hinauswolle. doch, doch, versichern wir, wir verstehen sehr wohl, dass er dabei gewesen ist, bei den ranglisten und den bewertungen und den immensen auswirkungen, die diese haben - dort wird die wirtschaftspolitik gemacht! ruft er plötzlich aus und wir schrecken zusammen, dort werden die facts produziert, schreit er, mit diesen leuten ist nicht zu spaßen! - wollen wir auch nicht, erwidern wir kleinlaut. mit diesen leuten, setzt er wieder etwas leiser an, sollten auch wir einmal sprechen. was uns, so räumt er dann gleich ein, freilich nicht möglich ist, aber es würde uns gut tun, es würde unseren kleinen horizont erweitern. ja, sagen wir. er mache es uns besser schon mal vor, schlagen wir vor, er kennt ja die sprache der geldhenker, der geldjungs, die gerne dreckige witze reißen, sowie die sprache der herren, die alles längst hinter sich gebracht haben und ihren gepflegten zynismus betreiben, der sich durchaus mal radikalisieren kann, wenn nötig. wenn was passiert. doch im grunde kann denen gar nichts passieren, erfahren wir, denn wenn man es einmal in die vorstandsriege oder einen schritt weiter geschafft habe, sozusagen unter die riege der 1000 weltweit besten (oder waren es die 100 weltbesten?), dann könne einem gar nichts mehr passieren, erzählt er uns, denen alles mögliche passieren kann und zwar andauernd, obwohl in unseren leben strenggenommen nichts geschieht. aber das ist normal so, haben wir erfahren, den meisten menschen gehe das so, deswegen sei dieser andere zustand ja auch so interessant. jedenfalls ihn interessiere das, was dann los ist, wenn einem gar nichts mehr passieren kann, und wir interessieren uns mit, ja wirklich! beteuern wir, doch er glaubt uns nicht mehr.

sicher, es haben sich bei uns vermutlich müdigkeiten eingeschlichen, die einfach nicht zu vermeiden sind, räumen wir ein, sicher, es sind einige von uns abgefallen, die zu ihren nebenjobs mussten, überhaupt die viele arbeit, sagen wir, da kann es durchaus zu einer kleinen zerstreutheit kommen, einer zerstreutheit, die es jetzt wieder auszubügeln gilt, wissen wir und wir arbeiten auch schon dran. und: haben wir uns etwa nicht auch die ganze immobilienkrise angehört? wir hören uns die ganze immobilienkrise auch immer wieder an, wirklich, die immobilienkrise als beispiel für ein reinigendes gewitter, wie es die bankenlandschaft in europa auch bald erleben werde, wiederholen wir, das reinigende gewitter haben wir genau gehört, das habe der vorstandsmensch doch gesagt, wir meinen den vorstandsvorsitzenden, der sich dabei zurückgelehnt hat, genauso, wie er sich jetzt eben zurückgelehnt hat. oder etwa nicht? das war doch der vorstandsvorsitzende, mit dem er eben noch gesprochen hat, fragen wir verwirrt, denn ganz sicher sind wir uns nicht mehr. wir erinnern uns an seine gesten, als wären es unsere eigenen, sagen wir, wir machen sie auch gerne mal nach, wenn er es möchte. er möchte aber nicht. er hat uns die ganze zeit nur so merkwürdig angesehen, beugt sich jetzt vor und zischt: es geht um die wirklichkeit. wer bestimmt die wirklichkeit, flüstert er. d. h. unsere konkrete gesellschaftliche wirklichkeit, da brauchten wir gar nicht zu den politikern laufen, flüstert er, schon gar nicht zu diesen hanswursten, die sich bei uns zeigten, da müsse man sich bei den leuten erkundigen, die sich bedeckt hielten. an die man normalerweise nicht rankomme, die sich zu verbergen wüssten, die man gut suchen müsse, d. h. nicht einmal suchen könne. wie gut, dass er da einen draht hat, rufen wir, wie gut, dass er uns berichten kann aus diesen etagen, an die wir nicht rankommen. ja, er hat ein fenster zur macht aufgekriegt, er hat es aufgestoßen und sieht uns daraus einen augenblick an.

menschen einfach abserviert

was sieht er da? fragen wir uns plötzlich, doch er macht eine unwillige handbewegung, als wolle er diese frage abwehren. er hat ein fenster zur macht aufgekriegt, er hat für uns einen durchblick arrangiert, durch dieses kleine fenster mit dem dicken glas, durch das wir schatten sehen und schemen, die wir bisher nicht recht zuordnen konnten - es sind vermutlich gruselgeschichten, die wir da hören. das merken wir an seinem tonfall, an seinen gesten, so was kriegen wir schon mit, beteuern wir, diese innenansichten der macht, also wie menschen einfach abserviert werden, wie firmen in den bankrott getrieben werden, wie es zu gezielten unterbewertungen kommt, wie firmenkäufe vorbereitet werden, wie aktienpakete rumgeschoben und gesichert werden. wie vorkaufsrechte bestehen.

von den profiten erfahren wir, die da eingestrichen werden, den ganzen wirtschaftskrimi, dieses ganze hauen und stechen, das immense auswirkungen hat, wiederholen wir ganz eifrig, wir sprechen so schnell, als hätten wir es auswendig gelernt, und stolpern nicht einmal. doch je schneller wir werden, umso mehr verzieht sich seine miene. wir wissen, jetzt wird er uns verabschieden, jetzt wird er uns rauskomplimentieren aus der geschichte, ja wirklich, wir müssen jetzt gehen, und wir verstehen auch, dass auf uns kein verlass ist, sagen wir ihm, wir haben nicht richtig reagiert, wir verstehen das, rufen wir, doch er hört uns nicht mehr, und so ist es um uns geschehen, und gleich sind wir verschwunden, und keiner hat uns mehr gesehen. (Kathrin Röggla)

Zur Person:
Kathrin Röggla wurde 1971 in Salzburg geboren. Sie studierte Publizistik und Kommunikationswissenschaften und arbeitet seit 1988 literarisch. Von ihr erschien u. a. 2004 "wir schlafen nicht" (bei S. Fischer) und 2006 "disaster awarness fair" (Literaturverlag Droschl). Die Schriftstellerin lebt seit 1996 in Berlin-Neukölln.
  • Kathrin Röggla: "er hat ein fenster zur macht aufgekriegt, er hat für uns einen durchblick arrangiert, durch dieses kleine fenster mit dem dicken glas, durch das wir schatten sehen und schemen, die wir bisher nicht recht zuordnen konnten - es sind vermutlich gruselgeschichten, die wir da hören, das merken wir schon an seinem tonfall, an seinen gesten, so was kriegen wir schon mit, beteuern wir, die innenansichten der macht."
    foto: heribert corn

    Kathrin Röggla: "er hat ein fenster zur macht aufgekriegt, er hat für uns einen durchblick arrangiert, durch dieses kleine fenster mit dem dicken glas, durch das wir schatten sehen und schemen, die wir bisher nicht recht zuordnen konnten - es sind vermutlich gruselgeschichten, die wir da hören, das merken wir schon an seinem tonfall, an seinen gesten, so was kriegen wir schon mit, beteuern wir, die innenansichten der macht."

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