Im Visier der Geheimagenten

23. Jänner 2008, 19:26
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Der Fall des enttarnten russischen Spitzenagenten Wladimir Woschow zeigt, dass Wien nach wie vor Zielscheibe der russischen Auslandsspionage ist

Die Titelgeschichten von profil und News über den angeblich größten Spionageskandal in Österreich seit der Öffnung des Eisernen Vorhanges und die Gerüchte über die Verwandtschaft des enttarnten und ausgewiesenen russischen Spitzenagenten, Wladimir Woschow, haben die Vermutungen bestätigt, dass Wien nach wie vor eine Zielscheibe der russischen (und wohl auch der amerikanischen) Auslandsspionage geblieben ist. Unabhängig davon, ob der fleißige Spitzenagent ein Bruder oder Halbbruder von Putins Frau ist oder nicht, gilt sein Fall nur als die Spitze des Eisbergs. Seine österreichischen und deutschen Komplizen haben dem russischen militärischen Geheimdienst GRU gegen großzügige Bezahlung jahrelang geheime Unterlagen über einen deutsch-französischen Kampfhubschrauber geliefert.

Der mysteriöse Fall des in London ermordeten abgesprungenen Ex-Agenten Litwinenko und der Aufstieg seines einstigen Kollegen und mutmaßlichen Mörders Lugowoj sogar zum neugewählten Abgeordneten des russischen Parlamentes zeigen ebenso wie die noch immer unaufgeklärte Ermordung der mutigen Journalistin Anna Politkowskaja, dass die Geheimdienste einen Staat im Staate bilden.

Stellenwert der Nachrichtendienste gestiegen

Unter der Herrschaft des einstigen KGB-Oberstleutnants Präsident Wladimir Putin ist der Stellenwert der Nachrichtendienste in den Medien und in der Politik gewaltig gestiegen. Nichts könnte diese Entwicklung überzeugender illustrieren als die für ausländische Beobachter verblüffende Tatsache, dass Premier Fradkow im Herbst 2007 nach seiner Ablöse sofort zum Chef des für die zivile Auslandsaufklärung verantwortlichen KGB-Nachfolge-Dienstes SWR (mit geschätzten zehn- bis fünfzehntausend Angestellten und Agenten im In- und Ausland) ernannt wurde. Ein klarer Beweis dafür, dass Fradkow, vorher Chef der Steuerpolizei, keineswegs ein "gewöhnlicher" Wirtschaftsexperte, sondern ein mit allen Wassern gewaschener Geheimdienstler gewesen ist.

Dass Russland mit Geschick die Energieherrschaft in Mitteleuropa ausbauen kann, hängt wohl nicht nur mit der Kontrolle der Pipelinekapazitäten, sondern wohl auch mit der Kenntnis der in Moskauer Archiven befindlichen Geheimdienstdossiers über bulgarische, serbische, slowakische und ungarische Politiker und neureiche Oligarchen zusammen. Was übrigens profil-Außenpolitiker Hoffmann-Ostenhof über die in Wien tätigen ausländischen Spione und über ihre Versuche, österreichische Journalisten anzuwerben oder abzuschöpfen, schrieb, kann ich als früherer Chefredakteur der ORF-Ostredaktion vollauf bestätigen, wobei man auch die polnischen, ostdeutschen und ungarischen, tschechischen und slowakischen Helfershelfer der sowjetischen Dienste nicht vergessen darf.

An höchster Stelle

Nicht nur im Wiener Verteidigungsministerium, sondern auch im Bundeskanzleramt und in der Staats- und Fremdenpolizei saßen an höchster Stelle Agenten und Informanten. Seinerzeit kommentierte die sozialistische Arbeiter-Zeitung spöttisch, "das Risiko eines Geheimagenten in Österreich muss zumindest dem eines Autofahrers angeglichen werden, der sich in den Straßenverkehr begibt". Der Fall des russischen Spitzenagenten W. W., jetzt als Mitarbeiter bei der russischen Weltraumbehörde in Moskau tätig, zeigt jedenfalls, dass die haupt- und nebenberuflichen Geheimagenten, auch wenn auf frischer Tat ertappt, mit Glacéhandschuhen angefasst werden. (Paul Lendvai, DER STANDARD, Printausgabe 24.1.2008)

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