Wien: Gesamtschule wieder verschoben

11. Februar 2008, 08:41
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Der Gemeinderat am Donnerstag wäre die nächste Gelegenheit, ein neues Mittelschulmodell für Wien vorzustellen

SPÖ und ÖVP werden sie wieder nicht ergreifen. Dabei liegt seit zwei Monaten ein Konzept in der Lade. AHS-Unterstufen, die zu Kooperativen Mittelschulen wurden, sollen als Vorbild dienen.

Wien - Im Wiener Gemeinderat am Donnerstag hätte er einer der heiß diskutierten Tagesordnungspunkte werden können: Der Expertenbericht des Wiener Stadtschulrates zur neuen gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen.

Doch wieder einmal kam es anders. Obwohl die Experten (siehe Wissen), mit ihrem Konzept schon im November fertig waren, brauchen die Gemeinderäte der SPÖ und der ÖVP noch, um sich zu einigen, welche von den Ideen im Schuljahr 2009/10 - ein Jahr später, als in fünf anderen Bundesländern - umgesetzt werden. Über den Inhalt haben die Experten Schweigepflicht und auch aus dem Rathaus dringt zum Thema nichts nach Außen. Dabei hatte der Stadtschulrat angekündigt, den Bericht zuerst im November, im Dezember, schließlich Anfang, dann Ende Jänner öffentlich zu präsentieren. Der zuständigen Stadträtin Grete Laska (SP) ist über den nächsten möglichen Termin für eine Veröffentlichung, am 24. Jänner im Gemeinderat, nichts bekannt.

In der Kooperativen Mittelschule (KMS) in der AHS Anton-Krieger-Gasse 25 in Wien-Liesing wird am Montagvormittag gerade unterrichtet. Direktor Herbert Schmidt würde die Gesamtschule begrüßen, wie auch eine generelle Umbildung des Schulsystems in Österreich, sagte er im Gespräch mit dem Standard. Die Gemeinsamkeit seiner Schule mit der AHS Theodor-Kramer-Gasse in Wien 22 ist, dass in den Unterstufen auch jene Kinder zum Zug kommen, die nicht AHS-reif sind, also nicht den Notendurchschnitt haben, der für den Eintritt ins Gymnasium erforderlich ist. Das Verhältnis von AHS-reifen zu nicht AHS-reifen Schülern ist im Schnitt 70 zu 30. Die Jugendlichen kommen in den Genuss, von zwei Lehrern pro Klasse unterrichtet zu werden. Die Schwächeren werden gefördert, die Stärkeren bekommen Zusatzaufgaben.

Das Gesamtschulkonzept in Wien wird sich vom KMS-Modell unterscheiden, doch die Basis - die Selektion, AHS oder Hauptschule mit zehn Jahren fällt weg - ist die gleiche. "Die AHS-Reife hat überhaupt keinen Prognosewert, wie sich die Kinder später entwickeln", sagte Erwin Greiner, Direktor der Theodor- Kramer-Schule. Eine Evaluierung der KMS Anton-Krieger-Gasse ergab, dass Schüler mit "schlechterer Ausgangslage" vergleichbare Leistungen erzielten wie die AHS-reifen Schüler. Die KMS könne die "größere Chancengleichheit" realisieren, hieß es, was bedeutet, dass die Zwei-Klassen-Schule passé sein könnte. Nur zehn Prozent aller 14-Jährigen traten im vergangenen Schuljahr nicht in eine höhere Schule mit Matura über.

Die Wiener Grünen pochen auf die baldige Präsentation des Gesamtschulmodells für Wien: "Irgendwann einmal sollten sie zu Ende gestritten haben", sagte Susanne Jerusalem. (Marijana Miljkovic/DER STANDARD Printausgabe, 22. Jänner 2008)

Wissen: Gesamtschule in Wien
Der Wiener Stadtschulrat wurde im April 2007 vom Gemeinderat mit den Stimmen der SPÖ und der ÖVP beauftragt, ein Konzept für die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen zu erarbeiten. Die Expertengruppe setzt sich aus Abteilungsleitern des Stadtschulrates sowie Eltern- und Lehrervertretern zusammen. Laut Bundesgesetz können zehn Prozent der Schulen den Versuch starten. Sieben wären das in Wien. Vorbild könnte die Kooperative Mittelschule sein. Das sind fast alle Wiener Hauptschulen und zwei AHS-Unterstufen. (mil)
  • In der Kooperativen Mittelschule in der Anton-Krieger-Gasse in Wien steht Chancengleichheit auf dem Stundenplan, ein Punkt, der auch im Expertenpapier des Stadtschulrates enthalten sein könnte.
    foto: standard/hendrich

    In der Kooperativen Mittelschule in der Anton-Krieger-Gasse in Wien steht Chancengleichheit auf dem Stundenplan, ein Punkt, der auch im Expertenpapier des Stadtschulrates enthalten sein könnte.

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