Klangopulenz für einen dürren Ritter

27. Jänner 2008, 17:35
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Inspirierende Eröffnung des "Resonanzen"-Festivals im Wiener Konzerthaus

Wien - "Phantasie, Vision und Wahnsinn" - so lautet heuer das Motto des Alte-Musik-Festivals "Resonanzen" im Konzerthaus, das an neun Tagen seine Erkundungen zwischen Mittelalter und Barock fortsetzt. Die Figur des Don Quijote umfasst für die Programmplaner Christian Lackner und Bernhard Trebuch "das weite Feld der Imagination zwischen schöpferischem Einfallsreichtum und vernichtendem Realitätsverlust"; Jordi Savall wird sich in einem seiner beiden diesjährigen Konzerte entlang der Geschichte von Cervantes' Romanfigur entlanghanteln.

Ansonsten ist das Motto wohl mit Absicht etwas breit angelegt, kann aber bewusstmachen, wie nah künstlerische Wege, Irrwege und Abgründe mitunter beisammenliegen. Da heute Vorstellungen vergangener Zeiten nicht mehr ohne weiteres verständlich sind, gibt nicht nur ein ausgezeichneter Almanach Einblicke in die gespielten Werke, sondern geht auch ein Symposion Fragen der Aufführungspraxis nach (24. bis 26. 1.). Die Hauptsache bleibt die Musik: Welche Schätze aus vergangenen Jahrhunderten noch zu heben sind, davon vermittelt das Festival alljährlich eine faszinierende Vorstellung.

Schon das Eröffnungskonzert mit dem Concerto Italiano unter der Leitung Rinaldo Alessandrinis war für eine Perspektivenkorrektur, zugunsten von Barockmusik aus Rom, geeignet. In Alessandro Melanis Litanie per la Beata Vergine Maria kamen alle Qualitäten des Chors zur Geltung, vor allem seine ungemein farbige Art, reine, doch affekt- wie farbenreiche Töne hervorzuzaubern. Ebenso inspirierend nahm Alessandro Scarlattis Missa per Il Santissimo Natale mit zwei konzertierenden Violinen Gestalt an - ein Werk, das durch eine geniale wie einfache Dramaturgie zu packen vermag.

Der Höhepunkt des Abends stammte aber von Giovanni Battista Pergolesi: die prächtige Missa di San Emidio ("Missa Romana") für zwei Doppelchöre und Doppelorchester. Auch wenn besonders die Sopranparts nicht immer makellos gelangen, gab es Glanzlichter genug: etwa die fantastischen Naturhörner und der temperamentvolle Zugang zum Musizieren. Dies wurde allgemein geschätzt; doch müsste der Jubel des Publikums auch einmal den Programmverantwortlichen gelten, zumal einer von ihnen, Christian Lackner, laut Selbstbezeichnung "Chefdramaturg a. D.", mit bewegenden Worten Abschied von den seit 1993 von ihm konzipierten "Resonanzen" und seiner Arbeitsstelle nimmt. (Daniel Ender/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 1. 2008)

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