Düne mit Überschlag

18. Jänner 2008, 17:00
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In komfortablen Wüstencamps lernen Touristen die Schönheit Libyens kennen. Gerald John wagte zudem eine einmalige Skitour

"Bei Überschlag festhalten, nicht aus dem Auto springen": Die Passagiere sind pflichtschuldig instruiert, also gibt Ibrahim Gas. Aufgeputscht von plärrendem Arabopop, jagt er seinen Landcruiser über die rippige Ebene, direkt auf die Dünen zu. Steilkurven driftet der Pilot in Rallyemanier empor, vor Abfahrten steigt er hart auf die Bremse - um nicht buchstäblich auf der Schnauze zu landen. Eine Achterbahnfahrt im sandigen Nirgendwo, die, mehr noch als starke Nerven, einen guten Magen verlangt.

Etappenziel ist die Ubari Magic Lodge, eine Art Fremdenlegionslager de luxe. Mit Holzboden, weißer Bettwäsche und - für Westtouristen besonders wichtig - Kloschüsseln sind die geräumigen Zelte ausgestattet, es gibt elektrisches Licht und heißes Wasser. Camps wie dieses ziehen libysche Tourismusmanager mitten in der Sahara hoch, um zahlungskräftige Gäste abseits der paar Motorradfreaks, die Paris-Dakar spielen, anzulocken. Zu entdecken gibt es ein spartanisches Land aus komfortabler Perspektive, das manches Klischee der arabischen Welt widerlegt.

Libyen ist ein grünes Land. Das heißt, außerhalb der kultivierten Oasen wächst auf der riesigen Fläche - fünfmal so groß wie Deutschland, nicht einmal ein Zehntel der Einwohner - so gut wie gar nichts. Den einheitlichen Grundton verpassen dem Wüstenstaat die unzähligen in der Farbe des Islam gestrichenen Zäune, Türen und Wimpel in den Dörfern und Städten - und natürlich die vielen ebenfalls in Grün gehaltenen Plakate. Entlang den Hauptstraßen künden sie alle paar hundert Meter von den Segnungen der Revolution, die vor fast 40 Jahren die Monarchie hinweggefegt hat.

"Unser Revolutionsführer Muammar Abu Minyar al-Gaddafi hat gesagt ...": So beginnt Mahmoud gerne seine Sätze, wenn er von der "Großen Sozialistischen Libysch-Arabischen Volks-Dschamahirija", wie sich Libyen offiziell nennt, erzählt. Zu DDR-Zeiten hat der Familienvater in Schwerin Ingenieurswesen studiert, nun arbeitet er als Fremdenführer.

Gratis-Gesundheitsversorgung, güns-tige Sozialwohnungen, höchstes Pro-Kopf-Einkommen Afrikas: Das Land, von dem Mahmoud berichtet, hat so gar nichts mit dem "Schurkenstaat" gemein, von dem in europäischen und amerikanischen Medien jahrzehntelang die Rede war. Touristen sind immer noch rar, was Libyen das Flair einer gewissen Unberührtheit verleiht.

Anders als in frequentierteren arabischen Regionen sorgen hier keine penetranten Teppichhändler oder Bakschischjäger für einen latenten Belagerungszustand bei begüterten Ausländern. Dafür kann das asketische Land auch nicht mit abendländischen Vergnügungen aufwarten: Das islamische Alkoholverbot nehmen die Libyer ernst, im Gegensatz zum Kifferparadies Marokko steigen dem Besucher nirgendwo Haschischschwaden in die Nase.

Trotz sozialistischen Anstrichs zeigen sich Frauen, wenn überhaupt, meist nur mit Kopftuch oder Schleier auf der Straße. Nicht alle seiner Klienten könnten sich mit den strengen Sitten anfreunden, sagt Führer Mahmoud und erzählt von zwei deutschen Touristinnen, die vor perplexen Einheimischen splitternackt in einem Wasserspeicher planschten.

Vielleicht fährt deshalb der Fremdenpolizist in der Nike-Trainingsjacke als stiller Begleiter mit. Viel könnten Touristen freilich nicht anstellen in dem menschenleeren Landstrich, durch den der Konvoi kurvt. Drei Tage lang Wüste in unzähligen Formen und Schattierungen. Erst geht es durch die "Hammada", eine von der Sonne angebrutzelte Ebene; "Wüstenlack" nennen die Einheimischen die schwarze, von der Hitze verursachte Schicht auf den Steinen. Dann hinein in das Akakus-Massiv, ein bizarres wie spektakuläres Labyrinth aus Felstürmen und Sandflächen. Und schließlich über den Erg Ubari, eines jener bis zu 300 Meter hohen Dünengebirge der Sahara, die im Zwielicht des trüben Tages wie gigantische Depots mit Kaffeeeis aussehen.

Ein paar Magenumdrehungen später kündigen Palmen eine Oase an. Der Tross passiert noch ein verfallenes Dorf, dessen Bewohner - natürlich nur zu ihrem Besten, wie Führer Mahmoud versichert - in neue Häuser im Tal umgesiedelt wurden, ehe sich eine Szenerie wie aus einem Märchen von Tausendundeiner Nacht eröffnet.

In eine Senke schmiegt sich einer der vielleicht 20 Seen der Sandwüste von Mandara, eingefasst von einem schmalen Grüngürtel, wie von Landschaftsgärtnern angelegt. Aus dem Niger eingewanderte Tuaregs in bunten Gewändern breiten ihren Silberschmuck aus, ein mit Palmwedeln umzäunter Gastgarten lockt nicht nur mit kühlen Getränken. Über den Eingang hat der Wirt ausnahmsweise kein Gaddafi-Bild, sondern ein Paar Skier genagelt. Für ein paar Euro können Touristen hier alte Brettln mieten, um von einer Düne ihrer Wahl zu pflügen. Ein mangels Gleitfähigkeit völlig sinnloses Unterfangen, das man als Österreicher natürlich gemacht haben muss. Wenn auch, wegen des mühsamen Anstiegs, nur ein Mal. (Gerald John/DER STANDARD/RONDO/18.1.2008)

Anreise: Zum Beispiel mit den Austrian Airlines von Wien nach Tripolis.

Veranstalter: GEO Reisen

Formalitäten: Einreisende benötigen ein Visum und eine von einem beeideten Übersetzer angefertigte, arabische Übersetzung der Datenseite des Passes. Erfahrungsgemäß werden auch Übersetzungen akzeptiert, die mittels Einstempelung in den Reisepass vorgenommen werden.
Siehe: bmeia.gv.at
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    Die Mandara-Seen in der libyschen Sahara locken mit Oasenidylle - und skurrilem Skivergnügen.

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    grafik: der standard
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