Zu wenig Geld für Schulbücher

19. Jänner 2008, 11:19
342 Postings

Das Budget für Schulbuchaktion wurde seit 1995 nicht erhöht - Lehrer sind teilweise gezwungen, Raubkopien anzufertigen

"Das Schulbuchlimit wurde in den letzten zehn Jahren nicht nennenswert erhöht oder inflationsangepasst", sagt Thomas Rott, Leiter der Produktentwicklung, Marketing und Vertrieb beim Schulbuchverlag Manz. Dass LehrerInnen immer weniger Bücher für die Schulklassen bestellen können, sei "natürlich" bemerkbar. Denn: "Wir sind ein privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen, die Kosten in der Medienproduktion sind gestiegen und daher auch die Preise."

Jürgen Beilein, Sprecher der zuständigen Ministerin Andrea Kdolsky, bestätigt: Seit dem Schuljahr 1995/1996 hat es mit Ausnahme einer gerinfügigen Anhebung im Jahr 2002 für Pflichtschulen keine Erhöhung des Schulbuchlimits mehr gegeben. Dies macht sich im Schulalltag bemerkbar.

Lernen am Limit

"Auch bei absoluter Beschränkung auf den Kernbedarf für die Fächer Deutsch, Mathematik und Sachunterricht fehlen pro VolksschülerIn jährlich mindestens 28 Cent", rechnet Andreas Ehlers, Vorsitzender des Elternvereins für die Wiener Pflichtschulen, im Gespräch mit derStandard.at vor. In seiner Kalkulation habe er nicht auf die Qualität der Schulbücher geachtet, sondern einfach das jeweils günstigste Schulbuch herangezogen. Alles andere wäre derzeit ohnehin nicht finanzierbar. Denn: Derzeit liegt das Schulbuchlimit für Volksschulen ohne Religionsbuch bei 38,01 Euro pro Schüler und Schuljahr. Spezielle Bücher für die Gegenstände Englisch, Bildnerische Erziehung oder Förderbücher können mit dem derzeitigen Limit meist nicht finanziert werden.

Not macht erfinderisch

Die Erziehungsberechtigten für zusätzliche Bücher zur Kassa bitten, ist eine Möglichkeit, um fehlende Werke zu ergänzen. "Zehn bis 15 Prozent aller verkauften Schulbücher werden Schätzungen zufolge nicht über die Schulbuchaktion abgerechnet", erklärt Ehlers. "Schulbücher werden zunehmend von den Eltern gekauft", bestätigt auch Rott. Somit müssen manche Eltern neben dem Selbstbehalt von zehn Prozent des Schulbuchlimits, den Vollpreis für zusätzliche Bücher bezahlen.

Oft werden Schulbücher am Ende des Jahres eingesammelt und an die nächsten Klassen weitergegeben. Streng genommen gehen die im Rahmen der Schulbuchaktion verteilten Bücher jedoch in das Eigentum der Schüler über. Freiwillig können sie ihre Bücher für die Wiederverwendung zur Verfügung stellen.

Raubkopien

Manche Lehrer seien gezwungen, Schulbücher oder Teile aus Schulbüchern zu kopieren. "Aber Lehrer sollen unterrichten und nicht massenhaft Kopien anfertigen", fordert Ehlers. Streng genommen handle es sich bei der Vervielfältigung von Schulbüchern um Raubkopien. "Das ist eindeutig illegal, aber Lehrer wissen sich anscheinend oft nicht mehr anders zu helfen", meint Rott vom Schulbuchverlag Manz.

Budgetverhandlungen 2009/2010

"Ich kopiere was das Zeug hält", sagt eine Wiener Volksschullehrerin, im Gespräch mit derStandard.at. Auskunft gibt sie nur unter Zusicherung der Anonymität, "sobald man etwas sagt wird man zur Räson gebracht". Dass mit dem Budget nur das notwendigste bestellt werden kann, berichtet auch sie. Derzeit hätten ihre SchülerInnen Bücher für Deutsch, Mathematik und Lesen sowie ein Wörterbuch zur Verfügung. Bücher für den Sach-, Englisch- und Musikunterricht sowie spezielles Fördermaterial seien nicht finanzierbar. Das Englisch-Buch müssen die Eltern gänzlich selbst bezahlen. "Wenn in meiner Klasse vor allem Kinder aus ärmeren Familien wären, würde ich mich nicht trauen, das zu bestellen".

Für Volksschulen 50 Euro Erhöhung gefordert

"Eine Erhöhung auf zumindest 50 Euro für die Volksschule ist unumgänglich," fordert Andreas Cancura, Geschäftsführer des Katholischen Familienverbandes der Erzdiözese Wien (KFVW). Diese Forderung unterstützt auch Ehlers: "Das Schulbuchlimit in den Pflichtschulen muss zumindest an die seit 1995/1995 aufgelaufene Inflationsrate ab dem nächsten Schuljahr angepasst werden." Für das kommende Schuljahr werden diese Forderungen unerfüllt bleiben: "Das Schulbuchlimit wird bei den Budgetverhandlungen 2009/2010 thematisiert", sagt Kdolsky-Sprecher Beilein zu derStandard.at.

Familienlastenausgleichgesetz

Die Schulbuchaktion ist im Familienlastenausgleichsgesetz geregelt. Demzufolge erhalten SchülerInnen einer mit Öffentlichkeitsrecht ausgestatteten Pflichtschule, mittleren oder höhere Schule "die für den Unterricht notwendigen Schulbücher im Ausmaß eines Höchstbetrages". Dieser Höchstbetrag wird, so der Gesetzestext, vom Familienministerium im Einvernehmen mit dem Unterrichtsministerium festgelegt. Für die aus Mittel des Ausgleichsfonds für Familienbeihilfen zur Verfügung gestellten Schulbücher, müssen die Eltern einen Selbstbehalt in der Höhe von zehn Prozent entrichten. Seit dem Schuljahr 1995/1996 wird der Selbstbehalt eingehoben. Auch das ist umstritten. (Katrin Burgstaller/derStandard.at, 17. Jänner 2007)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Bis auf eine kleine Erhöhung im Pflichtschulbereich im Jahr 2002 wurde das Schulbuchlimit seit dem Schuljahr 1995/1996 nicht mehr erhöht. Die Preise für Schulbücher sind trotzdem gestiegen.

  • Selbstbehalte

    Download
  • Schulbuchlimit

    Download
  • Gesetzliche Grundlagen Schulbuchaktion

    Download
  • Vergleich Schulbuchlimit für Volksschulen

    Download
Share if you care.