Finanzbeamte auf Gastrotour

24. April 2008, 15:48
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Steuerberater wollen Gutachten zur Stichhaltigkeit von EDV-Daten

Wien – Die Schwerpunktaktion des Finanzministeriums, bei der Gastronomiebetriebe auf Steuerhinterziehung penibel untersucht werden, weitet sich aus. Die Steuerberater, die derzeit häufig von bedrängten Wirten zu Rate gezogen werden, überlegen, "ein Gutachten in Auftrag zu geben, ob so etwas EDV-mäßig überhaupt schlüssig nachvollzogen werden kann", sagt Klaus Hübner von der Steuerberatung Hübner&Hübner und Präsident der Kammer der Wirtschaftstreuhänder.

Denn der Fall stellt sich äußerst verzwickt dar: Wie der Standard berichtete, untersucht die Finanz derzeit den Verdacht, dass Restaurantbetriebe bei Großhandelsmärkten wie Metro oder AGM systematisch und über Jahre zweierlei Arten von Einkäufen getätigt haben: Einmal mit der entsprechenden Einkaufskarte, einmal aber ohne, sodass zweierlei Arten von Rechnungen ausgestellt wurden: Mal mit und mal ohne Anführung des Gastro-Betriebes.

Im Wirtshaus wurde die nebenbei gekaufte Ware dann verarbeitet bzw. ausgeschenkt, aber nicht in die offiziellen Umsätze hineingebucht. "Ein Betrug auf zwei Seiten", wie ein Finanzbeamter dazu sagt. Was allerdings nur bei kleinen und mittleren Restaurationsbetrieben denkbar ist, bedarf es doch viel Umsicht und Erfahrung im in der Regel stressigen Gastronomiegeschäft, mit jeweils zwei Rechnungskreisen – im Küchen- und im Schankwesen – zu arbeiten.

Bei der Kammer der Steuerberater war die laufende Aktion des Finanzministeriums bereits Sitzungsthema. Allerdings könne den Steuerberaten keine einheitliche Auskunft gegeben werden, sagt Hübner. "Jeder Fall ist ganz individuell."

Aufgrund der "Indizienkette", mit der die Wirte dabei stärker an die Steuerkandare genommen werden sollen, wäre es möglich, dass die Kammer ein Gutachten in Auftrag gibt, das den Zugang der Finanz – die EDV-mäßige Zusammenführung von Verkaufsdaten bei den Großmärkten – auf a) Rechtmäßigkeit und b) technische Durchführbarkeit hin untersucht.

Wie viele Wirte von der Aktion betroffen sind, will das Finanzministerium nicht sagen. Hübner spricht von möglicherweise 150 Fällen. Ein betroffener Wirt weiß allerdings von knapp hundert Gastro-Betrieben allein im Raum Korneuburg. Bei einer Steuerhinterziehung von über 75.000 Euro droht neben dem Steuer- auch ein Gerichtsverfahren. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.01.2008)

  • Eine Küche, zwei Rechnungskreise: Die Finanz prüft scharf und soll auch schon häufig fündig
geworden sein. Auch zu Selbstanzeigen von Wirten ist es schon gekommen.
    foto: standard/matthias cremer

    Eine Küche, zwei Rechnungskreise: Die Finanz prüft scharf und soll auch schon häufig fündig geworden sein. Auch zu Selbstanzeigen von Wirten ist es schon gekommen.

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