Rekorde um jeden Preis

28. April 2008, 13:45
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Im Spitzensport ist Doping ein Dauerthema: Auch Gendoping ist ein Thema in der Sportszene, sagen Gmeiner und Bachl - Um die Gesundheit geht es dabei nicht

Sind genetische Manipulationen zur sportlichen Leistungssteigerung schon Realität? Über die nächste Generation des Dopings durch genetische Manipulation, das sogenannte Gen-doping, sprach Regina Philipp mit den Dopingexperten Günter Gmeiner und Norbert Bachl. Eine Debatte über eine ungewisse Zukunft.

STANDARD: Es vergeht kaum ein Tag ohne Dopinggerüchte. Wie wird gedopt?

Bachl: Ich würde sagen, dass all jene Methoden angewendet werden, die nicht oder nur schwer nachweisbar sind. Und da gehört Eigenblutdoping sicherlich dazu, noch dazu, weil die Leistungssteigerung dabei ja bewiesen ist.

STANDARD: Im Internet werden aber schon jetzt wachstumsfördernde Substanzen, etwa Myostatin-Blocker, als Gendoping verkauft.

Bachl: Mit Myostatin-Blockern wird man schlicht und einfach hinters Licht geführt. Mit klassischem Gendoping haben die angebotenen Präparate nichts zu tun. Diese Substanzen werden wie konventionelle Dopingsubstanzen von außen in den Körper eingebracht, binden sich an bestimmte Rezeptoren und blockieren dann Myostatin - ein körpereigenes Eiweiß, das normalerweise verhindert, dass Muskeln unkontrolliert wachsen. Es ist absolut unverantwortlich, solche Substanzen frei im Internet zu verkaufen, denn kein Mensch weiß, welche Nebenwirkungen sie verursachen.

Gmeiner: Gendoping ist heute einstweilen noch ein reiner Verkaufsgag. Mit der Bezeichnung Gendoping erhofft man sich, höhere Verkaufszahlen erzielen zu können. Den Leuten, die diese Substanzen verkaufen, ist das Thema Gesundheit ja vollkommen egal.

Was dieses Myostatin betrifft: Bis jetzt ist lediglich im Tierversuch bewiesen, dass eine gezielte Deaktivierung des Myostatin-Gens zu einer gesteigerten Muskelmasse führt. Die berühmten Schwarzenegger-Mäuse gibt es tatsächlich, ob sich das alles aber auch auf den Menschen übertragen lässt, ist noch unklar.

STANDARD: Ist Gendoping aus Ihrer Sicht überhaupt ernst zu nehmen?

Gmeiner: Gendoping ist ein ernstzunehmendes Thema, aber als globale Bedrohung für den Sport betrachte ich es nicht.

Bachl: Es gibt derzeit keine Fakten oder Indizien dafür, dass Gendoping bereits praktiziert wird. Wir stehen aber sicher an der Schwelle zum Gendoping. Ob die Szene erst eine Zehe oder schon einen halben Fuß über die Schwelle in eine neue Ära des Dopings hat, ist schwer sagen.

STANDARD: Was genau unterscheidet Gendoping von den Substanzen, die heute im Internet verkauft werden?

Gmeiner: Gendoping ist die Verwendung gentherapeutischer Maßnahmen zur Leistungssteigerung. Man schleust Gene oder genetische Elemente in die Zellen des Körpers ein, und diese produzieren anschließend dort die erwünschten Dopingsubstanzen. Gendoping ist sozusagen der Mittler zum Aufbau von Dopingkraftwerken innerhalb des Körpers. Bei konventionellen Methoden bringt man die Dopingsubstanz von außen in den Körper ein.

Bachl: Abgesehen vom Missbrauch ist die Gentherapie eigentlich eine sehr positive Entwicklung. Nach einem Gentransfer ist der Körper in der Lage, verschiedene Proteine, die er zuvor nicht in der Lage war zu produzieren, wiederherstellen zu können. So könnten Erbkrankheiten oder Krebs geheilt werden, auch in Schmerztherapie könnte das von Bedeutung sein.

STANDARD: Welche Substanzen wären für die Leistungssteigerung nützlich?

Gmeiner: Im Wesentlichen versucht man über vier Mechanismen Leistung zu steigern: Verbesserung der Ausdauer durch Erythropoetin - dieses Hormon stimuliert die Bildung der roten Blutkörperchen und verbessert damit die Sauerstoffversorgung der Muskulatur.

Für die Kraft sind Wachstumsfaktoren von Bedeutung, die das Muskelwachstum günstig beeinflussen. Mithilfe anderer Substanzen wiederum erhofft man sich eine gesteigerte Blutgefäßbildung und damit eine bessere Durchblutung. Und zu guter Letzt bemüht man sich noch, über eingeschleuste Gene schmerzlindernde Substanzen zu produzieren.

STANDARD: Wie bringt man das Genmaterial in den Organismus?

Gmeiner: Entweder über die Blutbahn, oder man spritzt es direkt ins Zielgewebe. Transportiert wird das Genmaterial über sogenannte Genfähren, zum Beispiel Viren, die, nachdem man sie ihrer schädlichen Wirkung beraubt hat, als eine Art Transporter von Genmaterial umfunktioniert hat.

STANDARD: Wie lässt sich die Wirkung wieder stoppen?

Gmeiner: Man hofft, die Gentherapie dahingehend zu optimieren, dass das eingeschleuste Genmaterial auch Sequenzen enthält, die ein Ein- und Ausschalten der gentherapeutischen Maßnahmen erlauben.

Bachl: Es ist eine Horrorvision, wenn das Ein- und Ausschalten der Gene möglich wird, denn dann erst kann der Missbrauch gezielt eingesetzt werden. Abgesehen davon besteht zusätzlich die große Gefahr, dass das eingebrachte Material im Körper völlig unkontrolliert Substanzen produziert.

Wenn man davon ausgeht, dass eingeschleuste Gene endlos Erythropoetin produzieren, ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Blut dick genug ist, um tödliche Blutgerinnsel zu bilden.

STANDARD: Das Risiko hat Spitzensportler aber bislang vom Doping nicht abgehalten, ein möglicher Nachweis schon eher. Wird man Gendoping nachweisen können?

Gmeiner: Körpereigene Substanzen sind chemisch anders strukturiert als Proteine, die von eingeschleusten Genen produziert werden. Erythropoetin beispielsweise, das von transferierten Genen erzeugt wird, lässt sich genauso problemlos im Harn und im Blut nachweisen wie synthetisches Erythropoetin.

Bachl: Es stimmt, dass die Analytik große Fortschritte macht, aber ganz so optimistisch bin ich trotzdem nicht. Denn wie will man denn wissen, mit welchen Substanzen Gendoping betrieben wird, wonach man eigentlich sucht.

Man müsste ein komplettes Screening machen, um sämtliche Substanzen erfassen zu können. Das wird vielleicht technisch möglich werden, aber ob das finanzierbar ist, bezweifle ich.

Gmeiner: Aber auch Gendoping wird nicht das Ende der Fahnenstange sein. Wer weiß, welche Herausforderungen uns noch erwarten.

STANDARD: Braucht es immer neue Methoden, weil die Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit sonst nicht mehr zu sprengen wären?

Bachl: Auch wenn man Gendoping komplett außer Acht lässt, wird es noch eine weitere Steigerung der menschlichen Leistungsfähigkeit geben. Trainingsmaßnahmen werden in Zukunft sicher noch effektiver gestaltet und insbesondere im Zyklus zwischen Training und Regeneration wird man noch Wege finden, das Training effektiver als bisher zu machen, indem man die Regenerationszeiten verkürzt.

STANDARD: Bisherige Rekorde werden also auch ohne Doping noch fallen?

Bachl: Im Ausdauerbereich bin ich davon überzeugt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Marathon in zwei Stunden gelaufen wird. In Kraftsportarten ist die Rekordentwicklung jahrelang auf massiven Anabolikamissbrauch zurückzuführen gewesen. Seitdem Dopingkontrollen strenger gehandhabt werden, sind Rekorde wie die der Kugelstoßer oder Diskuswerfer gleich geblieben beziehungsweise nur geringfügig gestiegen. (Regina Philipp, STANDARD, Printausgabe, 14.01.2008)

  • Günter Gmeiner: "Gendoping ist ein ernstzunehmendes Thema, aber als globale Bedrohung für den Spitzensport betrachte ich es nicht."
    foto: standard/matthias cremer

    Günter Gmeiner: "Gendoping ist ein ernstzunehmendes Thema, aber als globale Bedrohung für den Spitzensport betrachte ich es nicht."

  • Norbert Bachl: "Es ist eine Horrorvision, wenn Ein- und Ausschalten von Genen möglich ist, denn erst dann kann Missbrauch gezielt eingesetzt werden."

    Norbert Bachl: "Es ist eine Horrorvision, wenn Ein- und Ausschalten von Genen möglich ist, denn erst dann kann Missbrauch gezielt eingesetzt werden."

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