"Bildung vor Ausbildung"

12. Jänner 2008, 14:08
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Philologie, Byzantinistik, Afrikanistik - "Orchideenfächer", Studien jenseits des Mainstreams, müssen heute ihre Existenz rechtfertigen

"Und wie willst du damit einmal dein Geld verdienen?" - Diese Frage ist schon vielen Studierenden vornehmlich geistes- und sozialwissenschaftlicher Studien gestellt worden. Während nur wenige Österreicher daran zweifeln, dass die Inskribenten der Rechtswissenschaften, der Betriebswirtschaftslehre, des Medizin- oder Technikstudiums ihren Platz auf dem Arbeitsmarkt finden werden, trauen sie angehenden Germanisten, Philosophen oder Ägyptologen kaum eine erfolgreiche berufliche Etablierung zu.

Das Wissen, das diese Studien vermitteln, sei weder praxisnah noch im Wirtschaftsleben verwertbar, so der von Kritikern oft erhobene Vorwurf. Demnach ist für die Absolventen die Wahrscheinlichkeit, als akademischer Taxifahrer zu enden, deutlich höher als die Chance, in der Privatwirtschaft einen adäquaten Job zu finden.

"Das stimmt nicht", meint Julian Nida-Rümelin, Professor für Politische Theorie und Philosophie am Geschwister-Scholl-Institut der Universität München. "Für mein eigenes Fach kann ich sagen, dass fünf Jahre nach Studienabschluss weniger als sechs Prozent aller Absolventen der Philosophie arbeitslos sind. Das ist keineswegs mehr als bei den sogenannten 'klassischen' Studienrichtungen. Und ich habe einige Doktoranden, die erst vor wenigen Jahren promoviert haben und mittlerweile weit mehr als ich verdienen, beim Beratungsunternehmen McKinsey beispielsweise."

Flexibilität gefordert

Ein Umstand, der Nida-Rümelin Freude bereitet, sieht er sich doch in seinem humanistischen Credo "Bildung vor Ausbildung!" bestärkt: "Die Qualifikationen, die ein wissenschaftliches Studium vermitteln soll, sind eigenständig zu denken, Fragen bis in die Verästelungen nachzugehen und sich gut artikulieren zu können", so Nida-Rümelin. "Der Nebeneffekt einer solchen Herangehensweise ist nämlich die Fähigkeit, auf neue Situationen eingehen und sich darauf einstellen zu können."

Und genau das, nämlich Flexibilität, fordern Personalisten von zukünftigen Mitarbeitern ohne Wenn und Aber: "Beim Recruiting achten wir ganz besonders darauf, ob der Bewerber, nicht nur für die gerade offene Stelle, sondern auch für andere Positionen infrage kommt," erklärt Alexander Hahnefeld, Leiter der Personalabteilung von Microsoft Österreich. "Unsere Branche ist laufend Veränderungen unterworfen. Der Job, den es heute gibt, kann morgen schon überflüssig sein. Dafür haben sich schon wieder ganz neue Aufgaben gestellt, die wir meistern müssen. Jemand, der bloß mit Fachwissen und nicht mit der nötigen Persönlichkeit aufwartet, wird so eine Situation nicht meistern", ist Hahnefeld sicher.

"In Großbritannien etwa ist es nichts Unübliches, klassische Sprachen wie Latein oder Altgriechisch mit dem Ziel zu studieren, einmal Banker zu werden", berichtet Nida-Rümelin. Die spezifische Ausbildung erobere man sich zunehmend mehr im Job selbst. "Von der Vorstellung, nur eine hohe Spezialisierung während des Studiums sei ein Garant für einen sicheren Arbeitsplatz, kann man sich getrost verabschieden", sagt er.

Dennoch, das humboldtsche Bildungsideal, Bildung müsse von jeglichem Gedanken an die Verwertbarkeit des Gelernten freigehalten werden, hält der heutigen Realität nicht stand.

Sich zu bilden kostet Geld. Wer sein Studium mühevoll finanziert, kann es sich nicht leisten, das Gelernte danach nicht zu verwerten.

Für Nida-Rümelin ist das kein Grund, sich bei der Wahl des Studiums ausschließlich von ökonomischen Gedanken leiten zu lassen: "Denn das Wichtigste ist zweierlei: Befähigung und Engagement. Wenn diese beiden Punkte zusammenfallen, ist jeder Bildungsweg - auch wirtschaftlich - erfolgreich!" (DER STANDARD-Printausgabe, 12./13. Jänner 2007)

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    foto: privat
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