"Die Rolle der führenden Nation"

8. Jänner 2008, 20:13
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Historiker Mitchell Ash über die Rolle der Religion und den Einfluss des Präsidenten auf die Forschung

Wer wäre der beste US-Präsident für die Wissenschaft? Klaus Taschwer sprach mit dem aus den USA stammenden Historiker Mitchell Ash über seine Kandidatenwahl, die Rolle der Religion und den Einfluss des Präsidenten auf die Forschung.

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STANDARD: Wer ist Ihr Favorit für die US-Präsidentenwahlen?

Ash: Ich habe bei allen Kandidaten so meine Ambivalenzen. Für die Wissenschaft wäre Hillary Clinton sicher eine gute Präsidentin, weil sie in Sachen Medizin, Gesundheitspolitik oder Klimaforschung das wohl beste Programm hat. Aber auch Barack Obama wäre eine gute Wahl. Schließlich wäre er der erste Präsident seit Woodrow Wilson, der Universitätsprofessor war.

STANDARD: Wie groß ist der Einfluss, den ein Präsident auf die Wissenschaft nehmen kann?

Ash: Da muss man zwischen mehreren Ebenen unterscheiden. Auf der unteren Ebene der konkreten Forschungsförderung ist alles durch Peer- bzw. Panel-Reviews autonom geregelt. Da hat ein Präsident keinen direkten Einfluss. Doch kann er sehr wohl den Diskussionskontext der Wissenschaftspolitik beeinflussen, wie das George W. Bush in bestimmten Fragen zu tun versucht hat.

STANDARD: Wie schätzen Sie die Amtszeit von Bush aus wissenschaftspolitischer Warte ein?

Ash: Bush ist sicher kein Gegner der Forschung. Soweit ich sehe, sind alle einschlägigen Forschungsbudgets gestiegen oder zumindest gleich geblieben. In Fragen des Klimawandels oder der Stammzellforschung hat er allerdings Positionen vertreten, die von der Scientific Community nicht geteilt werden.

STANDARD: Im aktuellen Wahlkampf scheint die Frage der Religion eine besondere Rolle zu spielen.

Ash: Bei den republikanischen Stammwählern ist die Religion ein wichtiges Thema, und wenn der republikanische Kandidat Huckabee gewinnen sollte, der ein bekennender Kreationist ist, dann hätte das sicher negative Folgen für die Wissenschaft. Bei den Demokraten sieht es anders aus. Zwar betonen auch die demokratischen Kandidaten die Bedeutung der Religion im eigenen Leben. Aber da würde niemand dafür eintreten, dass Kreationismus in der Schule gelehrt wird.

STANDARD: Was sind die wichtigsten wissenschaftspolitischen Herausforderungen der nächsten US-Präsidentschaft?

Ash: Da gibt es viele. In erster Linie gilt es, möglichst viel zu tun, um die Rolle der USA als führende Wissenschaftsnation abzusichern, was angesichts der wachsenden Konkurrenz Chinas wichtiger wird. Das betrifft nicht zuletzt auch die Einwanderungspolitik. Dann ist es in den USA um die die wissenschaftliche Allgemeinbildung sehr schlecht bestellt. Da muss dringend etwas getan werden. Und in Sachen Klimawandel ist ein Umdenken dringend geboten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.1.2008)

Zur Person
Mitchell Ash (59), Professor für neuere Geschichte an der Universität Wien mit den Schwerpunkten Wissenschafts- und Universitätsgeschichte.
  • Artikelbild
    foto: standard/corn
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