"Männer machen sich vor - keine Täter zu sein"

3. Jänner 2008, 09:16
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Psychotherapeut: Weil sie sich ja ohnehin 'nur' die Fotos anschauen - Die meisten sehen das Problem nicht bei sich, sondern in ihrer Umgebung

Wien – Was Männer, die regelmäßig Kinderpornos downloaden, manchmal dazu bringt, sich bei einer Beratungsstelle Hilfe zu holen? "Wenn sie von ihrer Ehefrau dabei erwischt werden", sagt Arno Dalpra. Eine kleine Öffentlichkeit reiche oft schon, schildert der Psychotherapeut, der am Institut für Sozialdienste in Feldkirch die Beratungsstelle "Klartext" leitet, seine Erfahrungen mit Kinderporno-Usern.

Betrachten der Bilder als Kompensation

Männer mit pädophiler Neigung seien sich ihres Problems zwar oft bewusst. Eine mögliche Kompensation sei für sie das Betrachten der Bilder im Netz. "Dabei ist es durch die vermeintliche Anonymität einfach, die Verantwortung für sein Tun zu verdrängen", sagt Dalpra. "Die Männer können sich so selbst viel leichter vormachen, keine Täter zu sein, weil sie sich ja ohnehin 'nur' die Fotos anschauen."

Alle Berufsgruppen

Pädophile fänden sich in allen Berufsgruppen, betont Dalpra. Für Einzelne stelle der berufliche Umgang mit Kindern aber auch eine Art Kompensation dar und die Möglichkeit, sich in das Vertrauen der Kinder einzuschleichen.

Therapieplätze innerhalb weniger Wochen alle vergeben

Dass viele Männer, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlten, therapeutische Hilfe auch annehmen würden, habe ein Forschungsprojekt am Institut für Sexualmedizin der Berliner Charité gezeigt, sagt Dalpra. Dort wurde vor zweieinhalb Jahren unter dem Slogan "Lieben Sie Kinder mehr, als Ihnen lieb ist?" eine Ambulanz für die präventive Behandlung potenzieller Täter gegründet. Die Therapieplätze waren innerhalb weniger Wochen alle vergeben. Beinahe 600 Männer haben sich seither gemeldet – und zwei Frauen. Die Männer, mit denen es der Wiener Gerichtsmediziner Reinhard Eher zu tun hat, sind jedoch meist die Uneinsichtigen, die Wiederholungstäter, die wegen des mehrfachen Besitzes kinderpornografischen Materials irgendwann im Gefängnis landen.

Kinderporno keine "Einstiegsdroge"

"Die meisten sehen das Problem nicht bei sich, sondern in ihrer Umgebung", sagt der Leiter der Dokumentations- und Koordinationsstelle für Sexualstraftäter im Strafvollzug. "Einstiegsdroge" für den physischen Missbrauch sei der Kinderporno-Konsum nicht, das habe eine kanadische Studie gezeigt, sagt Eher. Im Rahmen der forensischen Therapie lernen die Täter, sich mit der Realität, die sie verleugnen, auseinanderzusetzen. (Bettina Fernsebner-Kokert/ DER STANDARD Printausgabe 3.1.2008)

  • Psychotherapeut Arno Dalpra: Durch die vermeintliche Anonymität im Netz ist es einfach, die Verantwortung für sein Tun zu verdrängen
    foto: standard/ institut für sozialdienste

    Psychotherapeut Arno Dalpra: Durch die vermeintliche Anonymität im Netz ist es einfach, die Verantwortung für sein Tun zu verdrängen

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