Sanfter Druck im Unterricht entspannt die Ennser Schüler

1. Jänner 2008, 22:09
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Den Mitschüler treten, und das ganz legal: Das dürfen Kids der Ennser Volksschule II - im Shiatsu-Kurs der Schule

Enns - Das muss wohl die sprichwörtliche Ruhe vor dem großen Sturm sein. Die Gymnastikhalle im Keller der Volksschule ist noch leer, die beiden Trainerinnen ziehen sich lautlos um. Von weiter her hört man eilige Schritte, Kinderschritte, nach der kurzen Trittfolge zu urteilen. Dann springt der eine Flügel der Türe auf, mit der Stille ist's vorbei: 21 Buben und Mädchen stürmen herein, lassen ihrem Bewegungsdrang, den sie in drei Schulstunden zügeln mussten, freien Lauf. Jeder darf erst einmal so viele Runden rennen, wie er mag. Unvorstellbar, dass man zehn Minuten später in dieser Halle eine Stecknadel hätte fallen hören können.

Kinderenergie im Fluss

Dann liegt die Hälfte der Kinder auf Matten, die andere steigt auf den Füßen der Liegenden herum. Vorsichtig und behutsam tritt Hannah auf die Fußsohlen von Jan. Sie macht Barfuß-Shiatsu, eine Übung, die die Schüler der 2a der Volksschule II in Enns mittlerweile beherrschen. Vor knapp drei Monaten übernahmen Barbara Grossfurthner und Lisa Fally eine der beiden Turnstunden in der Klasse. Die Shiatsu-Praktikerinnen stehen kurz vor Abschluss ihrer dreijährigen Ausbildung und haben für ihre Diplomarbeit das Thema "Shiatsu in der Schule" gewählt.

Konzentrationsprobleme, Hyperaktivität, Erschöpfungszustände oder Ängste ließen sich sehr gut behandeln, erklärt Fally. Ursache derartiger Verhaltensauffälligkeiten seien oft Blockaden im Körper. Durch sanftes Drücken entlang der Körpermeridiane (Energieleitbahnen) können diese gelöst, und die eigene Energie kann wieder in Fluss gebracht werden, um das emotionale Gleichgewicht wieder herzustellen.

Dieser ganzheitliche Ansatz hat Klassenlehrerin Johanna Birklbauer überzeugt. Schon bisher ließ Birklbauer immer wieder Elemente aus der Kinesiologie in den Unterricht einfließen. So streichen die Mädchen und Buben vor einer "Schreibmeisterübung" ihre Ohren aus, um die Konzentration anzuregen. Postive Erfahrung mit Schul-Shiatsu hat auch Elisabeth Steiner gemacht. Seit zwei Jahren leitet sie an der Volksschule im burgenländischen Zurndorf Shiatsu-Kurse. Es habe sich gezeigt, dass das "Energiesystem der Kinder sehr schnell reagiert. Die Kinder werden ausgeglichener." Zudem werde die eigene Körperwahrnehmung durch das Spüren der Druckmassage gesteigert, erzählt Steiner aus der Praxis.

Atemgeräusche

Für Grossfurthner und Fally war das Shiatsu-Training in Enns, das mit den Weihnachtsferien endete, ein Experiment. "Es tut den Kindern einfach gut", sagt Fally. Laura liegt auf der Matte, ihre Augen sind geschlossen, Jan scheint kurz vor dem Einschlafen zu sein. Die Gesichtszüge wirken total entspannt. Leise Musik klingt aus dem CD-Player. Das Duftöl verbreitet einen Hauch von Zimt und Nelken. Nachdem Hannah die Fußarbeit beendet hat, drückt sie mit ihren Händen Jans Beine von der Ferse bis zum Oberschenkel ab. "Die Kinder, die gerade arbeiten, hören auf den eigenen Atem", erklärt Grossfurthner während sie durch die Reihen geht und beobachtet. "Es ist erstaunlich, wie gut es funktioniert", meint die Klassenlehrerin. Bewusst gibt sie Kinder für die Partnerübungen zusammen, die sich im normalen Schulalltag eher aus dem Weg gehen. Die Trainerinnen klatschen in die Hände, die Stunde ist aus. Schade, meint Marlene, "es war sooooo schön". (Kerstin Scheller, DER STANDARD Printausgabe, 29.12.2007)

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