Wrabetz wehrt sich gegen den "Krieg" der ÖVP gegen den ORF

4. Jänner 2008, 17:42
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"Das hat es in der Geschichte der zweiten Republik bisher nicht gegeben" - ORF-Chef übt Kritik am Vorgehen der Kapitalvertreter im Stiftungsrat

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz geht ein Jahr nach seinem Amtsantritt mit der ÖVP hart ins Gericht. Im Bilanzinterview mit der APA kritisierte er die politischen Angriffe der Partei auf den "unabhängigen Rundfunk" und sprach von einem "Krieg" des ehemaligen Staatssekretärs und nunmehrigen ÖVP-Mediensprechers Franz Morak. Fassungslos zeigte er sich auch über das Verhalten einiger Kapitalvertreter im Stiftungsrat, deren Vorgehen er nach Weihnachten "mit den Spitzen von Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung" besprechen möchte. Daran, seinen Job aufzugeben, denkt Wrabetz aber nicht, Pläne zur Ablösung einzelner Direktoren dementiert er ebenfalls.

"Fassungslos"

"Ich bin fassungslos in welcher Schärfe am Beginn des 21. Jahrhunderts ein politischer Kampf gegen einen unabhängigen Rundfunk geführt wird und wie zum Beispiel von irgendwelchen Politfunktionären auf einzelne Stiftungsräte losgegangen wird. Das hat es in der Geschichte der zweiten Republik bisher nicht gegeben", sagte Wrabetz. Besonders befremdet den ORF-Chef, "wie der mit seinem Bedeutungsverlust ringende ehemalige Staatssekretär einen Krieg entfacht. Ich hoffe, dass dem innerhalb der ÖVP Einhalt geboten wird", so Wrabetz. Schließlich gebe es seit 40 Jahren den Konsens mit den staatstragenden Parteien, "auch bei Meinungsunterschieden mit der Geschäftsführung des ORF in Detailfragen die Gesamtinstitution nicht in Frage zu stellen".

Kritik am Vorgehen einiger Kapitalvertreter im Stiftungsrat

Kritik übte der ORF-Chef auch am Vorgehen einiger Kapitalvertreter im Stiftungsrat, die "sich mit dem Betriebsrat gegen das Management verbündet" und den Personalvertretern so de facto Rückendeckung in der Frage des Gehaltsabschlusses gegeben hätten. "Ich bin mir sicher, dass sich einige Wirtschaftsvertreter im Stiftungsrat für ihre Vorgangsweise ganz fest genieren", meinte Wrabetz.

Nach Weihnachten will er deshalb "an die Spitzen von Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung herantreten", um mit ihnen das Rollenverständnis bezüglich der Kapitalvertreter im ORF-Stiftungsrat abzugleichen. "Vielleicht ist es ja so, dass man ein Budget erst genehmigen kann, wenn der Betriebsrat zustimmt. Ich habe das aber noch in keinem Wirtschaftsbuch gelesen. Im Grunde erwarte ich mir, dass die Vertreter, die aus diesem Bereich kommen, im Unternehmen wie Wirtschaftsvertreter handeln".

Wrabetz' Team

Auf die Frage, ob sein Team gehalten habe, was es versprochen habe, meinte Wrabetz: "Es hat das gehalten, was ich mir versprochen habe, ja." Dass er die Ablöse von Programmdirektor Wolfgang Lorenz plant und bereits Gespräche mit potenziellen Nachfolgern führt, wies der ORF-Chef zurück. Lorenz und er "haben Fehler gemacht und sie korrigiert, wir waren oft einer Meinung, manchmal nicht, dann habe ich Entscheidungen getroffen, denn letztendlich habe ich die Gesamtverantwortung. Zensuren verteile ich intern - nicht in der Öffentlichkeit." Dass Informationsdirektor Elmar Oberhauser gerne den Generaldirektorensessel einnehmen würde, glaubt Wrabetz auch nicht: "Er hat mir versichert, dass das nicht so ist und dass er loyal zu mir steht. Ich habe keinen Grund daran zu zweifeln."

Keine Abwanderungsgedanken

Er selbst hege jedenfalls keine Abwanderungsgedanken, wie medial kolportiert wurde. "Erstens hab ich den tollsten Job der Welt, zweitens fühle ich mich den Mitarbeitern und dem Haus verpflichtet und drittens will ich nicht weg." Dass der ORF ein "annus horibilis" hinter sich habe und nach einem Jahr Wrabetz schlecht dastehe, will der ORF-Chef nicht gelten lassen: "Man muss die Kirche im Dorf lassen. Wir schließen das Jahr mit einem Marktanteil von knapp unter 40 Prozent ab, wir schreiben eine schwarze Null, die Werbeeinnahmen sind stabil und die Umstellung auf DVB-T ist zu 80 Prozent abgeschlossen. Außerdem haben wir eine Fülle neuer Programme etabliert, von der 'ZiB 20' bis 'Wir sind Kaiser', die das Bild des ORF nachhaltig positiv prägen."

Wrabetz will im kommenden Jahr mit Hilfe der geplanten Gebührenerhöhung vor allem in Eigenproduktionen investieren. Neue Formate, wie das "Bürgerforum", sollen etabliert und Schwachstellen, wie der "Report", angegangen werden. Einen Verkauf des Spartensenders TW 1 schloss er nicht dezidiert aus, er wolle in nächster Zeit "prüfen, wie man mit TW 1 strategisch vorgeht".

Alternativszenarien

Die gesetzliche Möglichkeit, den Wetter- und Tourismuskanal wie ursprünglich geplant zu einem Info- und Kulturkanal umzubauen, "sehe ich medienpolitisch kurzfristig jedenfalls nicht, daher muss man sich Alternativszenarien überlegen". Auf die Frage, ob ein Verkauf denkbar wäre, meinte Wrabetz: "Langfristig ist es für den ORF nicht sinnvoll, einen kommerziellen Spartenkanal zu betreiben. Wir müssen uns auf unser Kerngeschäft konzentrieren. Wenn eine Umwandlung zum Infokanal nicht möglich ist, muss was anderes geschehen."

Zu einem Komplett-Verkauf der Sendetechniktochter ORS gibt es hingegen "derzeit keine Überlegungen", meinte Wrabetz, und einen Verkauf bzw. die Privatisierung von ORF 1 bezeichnete er als "absurd". ORF 1 sei ein "erfolgreicher Kanal", habe viele Eigenproduktionen, wie das Kinderfernsehen oder den Showabend am Freitag, hervorragende Sportangebote und darüber hinaus eine eigene Infoschiene. ORF 2 allein wäre laut Wrabetz "auf lange Frist nicht überlebensfähig. Eine Verkaufsdiskussion ist im Ansatz abzulehnen".

Umbau beim "Report"

Im Programmbereich will Wrabetz im Jahr 2008 vor allem in Eigenproduktionen investieren und die Schwachstellen eliminieren. Als "sehr enttäuschend" bezeichnete er die Quotenentwicklungen beim "Report", der "massiv an Marktanteilen verloren hat und damit auch dem Vorlauf zur 'ZiB 2' schadet". Dem Format steht demnach bald ein Relaunch ins Haus. Auf die Frage, ob es dabei auch zu personellen Veränderungen und zur Ablöse des der "schwarzen" ORF-Reichshälfte zugeordneten "Report"-Chef, Gerhard Jelinek, kommt, meinte Wrabetz: "Diese Entscheidung liegt bei Informationsdirektor Elmar Oberhauser."

Umstrukturierung des Nachmittagsprogramms kein Thema mehr

Die ursprünglich für die dritte Phase der Programmreform geplante Umstrukturierung des Nachmittagsprogramms ist mittlerweile kein Thema mehr. Bevor man unter der Woche in den Nachmittag investiere, "ist der Vorabend auf ORF 1 dran". Auf dem Programm für nächstes Jahr stehen außerdem wieder einige Themenschwerpunkte, unter anderen zu den Themen Gesundheit und Migration. Über das ganze Jahr 2008 erstreckt sich ein Schwerpunkt Zeitgeschichte rund um die Jahre 1918, 1938 und 1968, bei dem "in mehreren Teilschwerpunkten die Geschichte des 20. Jahrhunderts aufgearbeitet werden soll".

Von 40 Prozent Marktanteil "geistig noch nicht verabschiedet"

Auf Marktanteilsziele für 2008 wollte sich Wrabetz noch nicht festlegen, darüber werde man bei der Sondersitzung des Stiftungsrats im Jänner beraten. Von einem Marktanteil von 40 Prozent habe man sich aber "geistig noch nicht verabschiedet", räumte Wrabetz ein. "In Wirklichkeit ist es aber nicht ausschlaggebend", ob als erste Ziffer eine drei oder vier steht, viel wichtiger seien die jeweiligen Reichweiten in den Zielgruppen. "Aber die vier ist ein wichtiges optisches Signal."

Dass der neue Privatsender Puls 4, der Anfang 2008 startet, dem ORF in punkto Marktanteile wehtun könnte, glaubt der ORF-Chef nur bedingt: "In Deutschland verlieren die öffentlich- rechtlichen Sender an die kleinen Programme, die Piranhas. Puls ist zwar noch kein echter Piranha, aber ein kleines Piranharl - und auch die können beißen." Dass Puls 4 dem ORF im Match um die Werbegelder Konkurrenz machen könne, glaubt Wrabetz nicht - intensiver werde nur der Wettbewerb um die Österreich-Rechte an Filmen und Serien.(APA)

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