Operation am falschen Ort

25. Jänner 2008, 15:07
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Die Debatte um die Bestechlichkeit von Ärzten verfehlt das eigentliche Dilemma der medizinischen Grundversorgung

Denn ein Schwarzmarkt entsteht nur dort, wo Unterversorgung herrscht - Von Peter Moesch

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Keine Frage, das österreichische Gesundheitssystem ist, gerade was die Akutversorgung betrifft, eines der besten der Welt - und das nach wie vor. Die in Medien angeprangerte Bestechlichkeit von Ärzten ist dennoch beunruhigend. Sie ist es aber nicht deshalb, weil damit eine Ungleichbehandlung von Patienten im Sinne einer Zweiklassenmedizin zum Ausdruck gebracht wird, sondern weil sie diese unkontrollierbar macht. Sonderklassenmedizin und damit verbundene Ungleichbehandlung gibt es nämlich - und zwar im Rahmen von Zusatzkrankenversicherungen mit besserem "Hotelfaktor" und freier Arztwahl - schon längst und ganz legal.

Basisgleichheit

Man mag darüber politisch verschiedener Meinung sein. Fest steht, dass eine derartige Ungleichbehandlung, unabhängig davon, wie relevant sie für den tatsächlichen Erfolg der Arztbehandlung auch sein mag, zu einer geradezu körperlich empfundenen Kränkung der Benachteiligten führt. Das ist nur allzu verständlich: Wenn wir in unser leistungsorientierten Gesellschaft auch alle möglichen Unterschiede in der Verfügbarkeit von Gebrauchsgütern akzeptieren, so möge doch auf der Ebene der Gesundheit, auf der Ebene des "nackten Lebens", immer noch Gleichheit herrschen - eine Basisgleichheit, wie wir sie uns für unsere demokratische Gemeinschaft seit jeher vorstellen und wünschen.

Grenzen fließend

Der fromme Wunsch, wenigstens die gesundheitliche Grundversorgung - die aber zugleich die optimale Standardversorgung sein müsste! - aus dem marktwirtschaftlichen Verwertungsprozess auszuklammern, wird jedoch heute, im Zeitalter steigender medizinischer Möglichkeiten und der damit erforderlichen biopolitischen Maßnahmen, mehr und mehr zur Illusion. Die Grenzen zwischen dem allgemein verfügbaren medizinisch Notwendigen und einer dem Markt überantwortbaren Luxusversorgung werden nämlich mit neuen, zum Teil technisch aufwändigen und immer breiter gestreuten Alternativen einer Hochleistungsmedizin nicht nur fließend, sie sind darüber hinaus einer permanenten Umstrukturierung unterworfen. Solche Grenzen müssten daher in immer kürzeren Zeitabständen neu definiert werden.

Amerikanische Verhältnisse

Wird allerdings der gesellschaftliche Grundkonsens über eine solidarische Basis der medizinischen Grund- und Standardversorgung aufgegeben und auch diese dem freien Markt überantwortet, so wird der bloß durch die "unsichtbare Hand" gesteuerte Markt deutlich sichtbare Folgen zeitigen, und amerikanischen Verhältnissen krasser Unterversorgung wären Tür und Tor geöffnet.

Daher scheint mir die derzeit erregt geführte Diskussion über die Bestechlichkeit von Ärzten nur die Oberfläche der eigentlichen Problematik zu berühren. Als vorgeschobene Auseinandersetzung verleiht sie einer tiefer liegenden Beunruhigung der Bevölkerung mehr oder weniger inadäquat Ausdruck. Dass diese Beunruhigung auf der untersten Ebene der gesellschaftlichen Kontroversen bei Einzelnen zu einer paranoid anmutenden Suche nach Schuldigen führt, ist dabei nur allzu verständlich. Weniger verständlich ist allerdings, dass sich auch die Experten in ihren Argumenten und Gegenargumenten kaum über ein derartiges Niveau erheben wollen.

Bestechungsmöglichkeiten

So wird dem zentralen Problem und seiner simplen Logik, dass ein Schwarzmarkt und systematische Bestechlichkeit nur dort aufkommen können, wo eine erhebliche Unterversorgung besteht, wenig Rechnung getragen. Dabei müsste ein für das System konstruktiver Beitrag einfach von den Möglichkeiten zur Verbesserung der unterversorgten Bereiche ausgehen, um damit allen Bestechungsmöglichkeiten von vornherein den Boden zu entziehen.

Dass damit nicht nur die unkontrollierte Zufuhr von Geldmitteln ins System, sondern eine entsprechende Strukturbereinigung (und das vor allem im Verwaltungsbereich) gemeint sein kann, sollte klar sein. Ebenso wäre Gesundheitsökonomen klarzumachen, dass eine medizinisch-fachliche Strukturbereinigung in erster Linie von einer medizinischen Effektivitätsorientierung und erst in zweiter Linie von einer ökonomischen Effizienzorientierung geleitet sein müsste. Schließlich wird, "wer primär auf die Kosten schaut, die Qualität verringern, wer aber primär auf die Qualität achtet, indirekt auch die Kosten senken"!

Niveau anheben

Letztlich müsste das gesellschaftliche Ziel darin liegen, die allgemeine Gesundheitsversorgung (um sie als solche beizubehalten!) auf ein Niveau zu heben, welches - wie etwa in Skandinavien - der privaten Vorsorge ernsthaft Konkurrenz macht. - Sich demgegenüber der Bestechlichkeit von Ärzten zuzuwenden und mit drakonischen Strafen zu drohen, kommt einer geistigen Bankrotterklärung gleich, weil man auf die konstruktive Entwicklung des Gesundheitswesens vergisst. Eine systematisch zunehmende Bestechlichkeit der Ärzte ist nämlich innerhalb eines Gesundheitssystems, das sich langfristig auf die bloße Verwaltung des Mangels einzurichten beginnt, mit Sicherheit zu erwarten.

  • Peter Moeschl: Amerikanisierung des Systems droht
    foto: standard/ privat

    Peter Moeschl: Amerikanisierung des Systems droht

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