Österreicher, die für Fremde "etwas riskieren"

22. April 2008, 17:10
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Die Fremdengesetze sind meist auf Abwehr unerwünschter Fremder aus - Das treibt Menschen in die Illegalität, wo sie von Freiwilligen unterstützt werden - auch in Österreich, zum Beispiel im "Fall Zeqaj"

Manchmal musste die Vorsicht ruhen. Dann wurde "Normalität" gelebt - soweit das unter unnormalen Lebensumständen, wie sie die Unterbringung "Illegaler" mit sich bringt, überhaupt möglich war: "Mitte Oktober zum Beispiel sind wir mit den Zeqaj-Buben zu einem Rapidmatch gegangen" , erzählt Michael Ottinger (Name geändert) im Standard-Gespräch. Den vielen Polizisten im Stadion sei "nichts aufgefallen".

Auch "daheim" - dort, wo Safete, Haxhi und Denis Zeqaj gerade wohnten - seien keine Sicherheitpannen aufgetreten. Keine naseweisen Nachbarn, keine verdachtschöpfenden Behörden, sondern im Gegenteil, "Menschen mit Zivilcourage". Dem "illegalen" Haxhi (12) hätten mehrere Schulverantwortlichliche die Teilnahme am Unterricht angeboten. "Im Grunde", sagt Ottinger, "haben wir in diesen Wochen mutgebende Erfahrungen gemacht. Dass es in Österreich Menschen gibt, die für Fremde etwas riskieren."

Begonnen hatte das Engagement des Mannes, seiner Bekannten und Freunde als Herbergsgeber untergetauchter "Fremder" mit der Flucht der seit 2002 im niederösterreichischen Wieselburg wohnenden Kosovarin Safete Zeqaj und ihres Sohnes Haxhi vor einem Abschiebetermin Ende September. Die 38-Jährige war - wie berichtet - damals ihrem 16-jährigen Sohn Denis in die Illegalität gefolgt: Sie wollte den Teenager im österreichischen Untergrund nicht sich selbst überlassen.

In diesen Tagen meldete sich auf Vermittlung der Grünen ein Pfarrer bei Ottinger. Er berief sich auf Gespräche über "unmenschliche Abschiebungen" in den Monaten davor und wurde rasch konkret: Man suche einen Ort, um drei Untergetauchten Schutz und Betreuung zu bieten.

Fixer Betreuungsplan

"Wir waren rasch einverstanden", erinnert sich Annemarie Gehringer (Name geändert). Im Bekanntenkreis - "rund zwanzig Menschen aus helfenden Berufen" - habe man das Vorgehen koordiniert: Die Zeqajs sollten "je rund fünf Tage in der Wohnung und unter der Obhut eines Helfers" bleiben und neben Bett und Verpflegung auch psychologische Unterstützung bekommen.

"Wir hatten vier Wochen durchgeplant, es wurden sieben Wochen daraus. Doch es stellte sich heraus, dass wir einen langen Atem haben. Hätte es noch länger gedauert, wäre den Zeqajs sogar eine eigene kleine Wohnung am Land zur Verfügung gestanden", sagt Gehringer. Angst vor dem Erwischt- und Bestraftwerden - der Paragraf 115 Fremdenpolizeigesetz stellt die "Beihilfe zu unbefugtem Aufenthalt" bekanntlich unter bis zu sechs Monate Strafe - habe sie "nie gehabt". Mutter und Buben seien "derart unterstützungsbedürftig" gewesen, dass ihr "der Gedanke, etwas Verbotenes zu tun" gar nicht in dem Sinn gekommen sei.

"Safete Zeqaj hatte schwere Schlafstörungen, Haxhi saß tagelang melancholisch da. Ich frage mich, ob den verantwortlichen Politikern klar ist, was sie Menschen wie diesen antun", meint Gehringer. Die Festnahme Safete Zeqajs unmittelbar nach deren Wiederauftauchen bei einer Grünen-Pressekonferenz am 14. November habe sie dann "schon geschockt". Dass es so kommen werde, habe nur eine einzige Person erwartet: "Safete selbst", die - wie berichtet - tags darauf enthaftet wurde und einen Asylantrag stellen konnte.

"Ungerecht"

Die derzeitigen Fremdengesetze seien "ungerecht" sagt Gehringer. Sie würde eine Hilfsaktion wie jene für die Zeqajs "jederzeit wiederholen". Ottinger auch - und er zieht, um das durchzuargumentieren, einen geschichtlichen Bogen: "Meine Eltern haben mir erzählt, dass sie gegen die Nazis nichts unternehmen konnten. Ich lebe jetzt - und kann jetzt etwas Richtiges tun." (Irene Brickner/DER STANDARD, Printausgabe, 18.12.2007)

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  • Ermöglichten der - inzwischen wieder legalen - Familie Zeqaj zusammen mit Freunden sieben Wochen lang das (Über)leben im Untergrund: Annemarie Gehringer und Michael Ottinger (Namen geändert).
    foto: standard/matthias cremer

    Ermöglichten der - inzwischen wieder legalen - Familie Zeqaj zusammen mit Freunden sieben Wochen lang das (Über)leben im Untergrund: Annemarie Gehringer und Michael Ottinger (Namen geändert).

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