Mayer: "Bestechung regt kaum jemanden auf"

4. März 2008, 10:45
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Österreicher sehen Korruption vor allem in politischen Parteien - Trotzdem gilt Bestechung noch als "Kavaliersdelikt"

Mineralwasser, Orangensaft, kleine Schinken- und Käsesandwiches, Kaffee, Tee oder Kakao – kostenlose, kleine Aufmerksamkeiten für Journalisten. Angeboten bei einer Pressekonferenz der Transparency International (TI), dem Verein zur Korruptionsbekämpfung. Bereits eine milde Form der Bestechung? "Nein", sagt Heinz Mayer, im Beiratspräsidium des Vereins tätig, im derStandard.at-Interview. "Alles was dem normalen menschlichen Umgang entspricht ist keine Korruption. Wenn ich zu einer Sitzung gehe, krieg ich auch einen Kaffee." Bestechung beginnt seiner Definition nach dann, wenn man ein Geschenk bekommt, das man ausschließlich seinem beruflichen Status zu verdanken hat. "Wenn Sie ein Kuvert kriegen mit einer Einladung zu einem Wellnesswochenende in Stegersbach, sollten Sie darüber nachdenken, ob diese Zuwendung an viele geht", sagt Mayer.

Die internationale Anti-Korruptionsorganisation Transparency International präsentierte heute die Ergebnisse des Global Corruption Barometers 2007, einer jährlichen Umfrage über Wahrnehmungen der Bevölkerung in Bezug auf Korruption. Befragt wurden insgesamt 60.000 Menschen aus 60 Ländern. "Die Ergebnisse sind ein Spiegel für die Regierung und die Parteien in diesem Land. Es sagt aus: So werdet ihr wahrgenommen", sagt Eva Geiblinger, Vorstandsvorsitzende von TI.

Militär, Medien und NGO`s

Die Wahrnehmung von Korruption in Österreich ist in den verschiedenen abgefragten Bereichen, u.a. Polizei, medizinische Dienste, Militär, Privatwirtschaft oder Bildungssystem, immer nahe am Europa-Durchschnitt. Neben den politischen Parteien schneiden Militär, Medien und NGO`s am schlechtesten ab.

Was im Vergleich zu anderen Ländern hervor sticht: Österreicher glauben, dass politische Parteien besonders korrupt sind, dennoch vertrauen sie der Regierung und ihren Maßnahmen gegen Korruption mehr als der Durchschnitts-Europäer. An einer Erklärung mangelt es hier. Für Geiblinger ist es ein "witziger Widerspruch."

Manager-Umfrage: Von 11 auf Platz 15

Im Global Corruption Report 2007, bei dem im Gegensatz zu den Barometers Experten und Manager von internationalen Konzernen befragt wurden, verschlechterte sich Österreich im Korruptionsranking von Platz 11 auf 15. Innerhalb Europas war Österreich damit das einzige Land neben Malta, das an Plätzen verlor – alle anderen Länder konnten sich verbessern. Die zwei angegebenen Hauptursachen: die Eurofighter-Beschaffung und der BAWAG-Skandal. "Beide Fälle haben grobe Systemmängel aufgedeckt", sagt Mayer. Denn selbst wenn keine Korruption stattgefunden habe, hätte der "schludrige, sorglose Umgang gezeigt, dass unser System korruptionsanfällig ist."

"Gilt nicht als übles Objekt, wenn man geschmiert wird"

Im Gegensatz zu dem Global Corruption Report, das auf Angaben von Managern basiert, sehen die österreichischen "Normalbürger" kein Steigen der Korruptionsanfälligkeit. Diese Diskrepanz erklärt Mayer so: "In Österreich herrscht wenig Sensibilität für Unvereinbarkeit. Korruption regt kaum jemanden auf. In vielen Bereichen wird man nicht an Ansehen verlieren oder als übles Objekt gelten, wenn man geschmiert wird." Derselben Meinung ist Eva Geiblinger: "Österreich muss weg von dem Denken, dass Korruption nur ein Kavaliersdelikt ist." Auch Franz Fiedler, Beiratspräsident von TI und ehemaliger Rechnungshofpräsident, sagt in einem Interview mit dem Monatsmagazin DATUM: "In den skandinavischen Ländern ist man wesentlich strenger, das Problembewusstsein wesentlich schärfer."

Wie dem Problem beizukommen ist? "Man muss für Transparenz sorgen", sagt Heinz Mayer. "Dazu zählen die Offenlegung von Parteispenden und Abgeordnetengehältern." Es muss der Bevölkerung klar werden, "dass Korruption der Gesellschaft als Ganzes schadet", sagt Mayer. (Saskia Jungnikl, derStandard.at, 6.12.2007)

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    Es muss der Bevölkerung klar werden, "dass Korruption der Gesellschaft als Ganzes schadet", sagt Heinz Mayer, Beiratsmitglied von TI.

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