Zwischen Hörsaal und Wickeltisch

25. Februar 2008, 12:35
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Kein Stillzimmer, keine Kinderbetreuung, kein Wickeltisch - für studierende Eltern sieht es an den FHs schlecht aus

Vor allem Mütter, die in der Regel stärker betroffen sind, haben es dadurch schwer, ihr Studium zu verfolgen.

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"Zum Thema Schwangerschaft und Mutterschaft gibt es bei uns an der FH gar nichts. Nicht einmal eine Wickelmöglichkeit. Zwar haben die Hebammenstudenten einen Wickeltisch für Übungszwecke, der darf aber nicht benützt werden. Das finde ich echt arg und diskriminierend", empört sich Konstanze Bilek.

Bei der 25-jährigen Sozialarbeitsstudentin der FH Joanneum in Graz kann es jeden Tag so weit sein, dass ihr Sohn Wendelin das Licht der Welt erblickt. Schon seit Wochen bereitet sie sich darauf vor, das Studium mit dem Nachwuchs unter einen Hut zu bringen.

Ein Jahr zu pausieren - was viele FHs als die beste und meist einzige Möglichkeit offerieren - oder auch eines auf zwei Jahre aufzuteilen (was Bileks Studiengangsleiter in Ausnahmefällen genehmigt), kommt für die Studentin nicht infrage. "Was soll mir das bringen? Das erleichtert gar nichts. Denn nach einem Jahr ist die Situation die gleiche - vielleicht schwieriger."

Bilek möchte nach der Geburt "ganz normal" fertigmachen. Zwar lasse sich dieses Vorhaben nur durch die Unterstützung ihres Freundes und ihrer Mutter umsetzen, der Stress sei es aber wert, kein ganzes Jahr zu verlieren.

Dass studierende Mütter an den FHs von der Gutmütigkeit einzelner Professoren abhängig sind, wenn es darum geht, den Säugling mal in eine Vorlesung mitzunehmen (was an den Unis durchaus üblich ist), oder dass sie nach der Geburt einmal ein Seminar versäumen, macht die Situation - besonders für Alleinerziehende - doppelt schwierig.

Für Maria Müller (30) und Sonja Zauner (32), Studentinnen der Fachhochschule des bfi Wien, die während der Ausbildung ihre Kinder bekamen, war das Ruhenlassen ihrer Studien dann auch die einzige wirkliche Möglichkeit.

"Es basiert alles auf Kulanz", kritisiert Philipp Hense (22), Obmann des Vereins zum Aufbau und zur Förderung einer bundesweiten Studierendenvertretung der Fachhochschulen und Fachhochschul-Studiengänge. "Die Rahmenbedingungen sind viel zu restriktiv. Nach einem Jahr Pause kann es geschehen, dass man ganz von vorne anfangen muss", erklärt Hense.

Regeln einhalten

"Es gibt eben bestimmte Spielregeln an die sich jeder halten muss", verteidigt Kurt Koleznik, Geschäftsführer der FH-Konferenz die starre, nahezu familienfeindliche Struktur. Jeder müsse selbst wissen, wie viel er sich zumuten kann, meint Koleznik.

Für Leopold März, Vorsitzender des FH-Rates, hat das Thema größere Relevanz, "allein schon, weil ich selbst während meines Studiums Vater geworden bin. Anders als in den 60er-Jahren steht das Studium heute mit der Familie und dem Beruf in stärkerem Zusammenhang. Und da das Schwangerwerden zu 100 Prozent Frauen betrifft, sind sie es, die unter die Räder kommen und aufhören müssen."

Zwar sei es unrealistisch, übergeordnete Richtlinien in diesen Belangen zu verordnen, "doch es gehört zu einer sozialen Selbstverständlichkeit, dass es so etwas wie Betriebskindergärten auch für Bildungs- und Ausbildungseinheiten geben sollte". März werde mit Empfehlungen an die Fachhochschulen herantreten, mehr könne der Rat nicht unternehmen. Sich an die international üblichen Standards heranzutasten, obliege jeder FH selbst.

Vorreiter im Versuch, studierende Eltern als Zielgruppe ernst zu nehmen, war die FH Vorarlberg. "Vor drei Jahren konnte man nur berufsbegleitend studieren, wenn man auch einen Job ausgeübt hat. Wir haben uns dafür eingesetzt, dass die Karenzierung von Alleinerziehenden als Berufstätigkeit gilt - das war damals ein großer Schritt", erläutert Hedwig Natter, Leiterin des Rektorats. Eine Umfrage habe gezeigt, dass auch der Bedarf an Kinderbetreuung vorhanden sei, weshalb man über Kooperationen mit umliegenden Kindergärten nachdenke.

Auch die FH St. Pölten schmiedet Pläne, den Nachwuchs besser zu betreuen. Besonders im Studiengang Sozialarbeit sei ein regelrechter Baby-Boom eingetreten, weshalb man an einer "Kinderstube für Säuglinge" und einem Kindergarten arbeite.

An der FH bfi beschäftigt man sich indes mit dem umgekehrten Szenario: Da es recht wenig studierende Eltern gebe, fragt sich Geschäftsführer Helmut Holzinger: "Was ist mit denen, die wir mit unserem Angebot gar nicht erreichen, weil sie vielleicht alleinerziehend sind und keine Betreuung haben?"

Um den Akademikeranteil unter den Frauen zu erhöhen - an den FHs waren im Wintersemester 2005/06 nur 43 Prozent weibliche Studierende im Vergleich zu 57 Prozent an den Unis -, müsse man auch berücksichtigen, "dass die klassische Arbeitszeitverteilung von acht bis 16 Uhr nicht der Realität entspricht", meint Holzinger. So wurde bereits eine Online-Betreuungsplattform eingerichtet, wo sich Studierende vernetzen können.

Unfreiwilliger Abbruch

Eine Studie, welche überprüfen soll, "ob Kinder während den Abendlektionen überhaupt betreut werden können, ohne einen Entwicklungsnachteil zu haben", sei der nächste Schritt. Ob es dann zu einer Kooperation mit einem Kindergarten kommen wird, liege auch an der Finanzierung durch die Stadt Wien, welche 2001, bei einem ersten Versuch, nicht zustande kam.

Dass es viele Pläne ohne Umsetzung gibt, ärgert Ruth Kiechle (31). Die zweifache Mutter setzt sich an der FH Salzburg für Frauenfragen ein, wo sie berufsbegleitend Soziale Arbeit studiert. Sie weiß von etlichen Studentinnen zu berichten, die nach einem Jahr Babypause aufhören mussten. "Wenn man erst in der Vorwoche den Stundenplan für die nächste Woche bekommt, ist es unmöglich, die Betreuung zu organisieren. Auf Studierende mit Kind wird keine Rücksicht genommen."

Kiechle fordert eine schriftliche Vereinbarung, dass auch studierende Mütter nach der Geburt ein Recht auf acht Wochen Mutterschutz haben - ohne dadurch gleich ein ganzes Jahr zu verlieren.

Für Koleznik ausgeschlossen: Da viele Lehrveranstaltungen eben nur einmal angeboten werden, könne man bei Abwesenheit auch keinen Schein dafür erhalten. Er verstehe auch, dass Kindergärten an den FHs meist an der Finanzierung scheitern, doch für ihn sei es eine Sache des Bundes, Betreuungseinrichtungen zu finanzieren.

"Das ist ja sozusagen die Bedingung der Möglichkeit zur Ausbildung", ergreift er plötzlich Partei für die jungen Eltern, die von der Politik zu wenig Unterstützung erfahren würden. Warum? "Vielleicht herrscht immer noch ein gewisses Sitten- und Frauenbild vor, weshalb man sich beim Thema Familie nicht nach vorne bewegt." Und selbst wenn "Studieren mit Kind" an den FHs immer noch ein Minderheitenthema ist, wie es Philipp Hense formuliert, "muss es in Hinkunft eines sein, das große Bedeutung hat". (Bettina Reicher/FH-STANDARD Printausgabe, 24./25. November 2007)

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    Kind und Studium zu vereinen, verlangt nach sorgfältigem Zeitmanagement. Die Unterstützung seitens der FHs könnte dabei besser sein.

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