Das Heer der Nesthocker begehrt gegen Rom auf

2. Dezember 2007, 16:29
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B-Day in Italien: Die Bamboccioni - die Riesenbabys - protestieren gegen ihre soziale Lage

Arbeitslos oder mit Minigehalt müssen junge Erwachsene bei den Eltern leben. Von Gerhard Mumelter.

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Drei Jahre suchte Lidia Mancini vergeblich einen Arbeitsplatz. Dann trieb der Frust die 27-Jährige zu einer ungewöhnlichen Aktion. In einem offenen Brief ersuchte sie Staatspräsident Giorgio Napolitano um eine "raccomandazione", eine persönliche Empfehlung, wie sie heute noch tausenden Italienern den Weg zu einem Posten ebnet.

In ihrem Schreiben, das die linke Tageszeitung L'Unità auf die Titelseite rückte, klagt Mancini bitter über das totale Desinteresse von Politik und Medien: "Beide sind von meinen Bedürfnissen meilenweit entfernt." Eine Promotion mit Auszeichnung, zwei Master und verschiedene Praktika hätten ihr trotz dreijähriger Dauersuche keinen Arbeitsplatz beschert. "Werter Herr Präsident, ich kann nicht weiter vom Geld meiner Mutter leben, daher ersuche ich Sie öffentlich um eine raccomandazione und lege Ihnen mein Curriculum bei", schließt Mancini ihr Schreiben an den Präsidenten.

Die Verfasserin des Briefes ist kein Einzelfall. Es war Finanzminister Tommaso Padoa Schioppa, der mit einer spöttischen Bemerkung im Parlament eine hitzige Diskussion über Italiens Nesthocker lostrat: "Unsere Bamboccioni werden nie erwachsen, heiraten nicht, ziehen nicht aus und bleiben unselbstständig."

"Dumme Entgleisung" Eine Flut von Protesten war die Folge. Der 24-jährige Webdesigner Luca Degli Esposti aus Bologna zeigte sich so erzürnt über die "dumme Entgleisung" des Ministers, dass er die Bamboccioni, die Riesenbabys der Halbinsel, umgehend zum Protest gegen die "politische Gerontokratie" einlud. Heute, Samstag, sollen die Betroffenen beim Bamboccione Day ihren Unmut zum Ausdruck bringen. Identitätsstiftendes Merkmal: ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Sono un Bamboccione", das anschließend mit der provokanten Bitte "Mamma, wasch es mir!" an den ungeliebten Minister geschickt werden soll.

Valeria Gasparetto zählt nicht zu denen, die sich von Padoa Schioppa beleidigt fühlen: "Das Problem liegt darin, dass er nur die halbe Wahrheit sagt." Die andere Hälfte steht auf dem Transparent, das sie vor dem römischen Universitätsministerium ausgerollt hat: "Bamboccioni durch anderer Verschulden."

Mit Trillerpfeife im Mund protestiert die hübsche Ärztin aus Padua gegen Forschungsminister Fabio Mussi, der ihr "einen Arbeitsplatz verweigert". Ihr Kollege Tiziano Stocca pflichtet bei. Der 27-jährige Arzt aus Triest, dessen österreichischer Urgroßvater Stock hieß, lebt bei seinen Eltern. "Zwangsweise, weil ich arbeitslos bin", schildert er seine Lage. Auf einen Ausbildungsplatz im Krankenhaus wartete er bisher vergebens - mangels Ausschreibung. "Meine Lebensgefährtin und fast alle unsere Freunde befinden sich in derselben Lage. Obwohl meine Eltern Verständnis für meine Lage aufbringen, wirkt die Abhängigkeit demoralisierend", klagt Stocca.

Beachtlich ist aber auch die Zahl der 30-Jährigen in Italien, die sich trotz eigenen Arbeitsplatzes gezwungen sehen, die Wohnung mit den Eltern zu teilen. Sie gehören zur "Generazione mille Euro" ("1000-Euro-Generation"), die sich bei den hohen Mietpreisen nie eine Wohnung leisten könnten. Das hat vor allem einen Grund: Während in den Ländern Mitteleuropas 60 Prozent des gesamten Wohnungsmarkts vermietet werden, sind es in Italien gerade einmal 20 Prozent. Die Folge: 7,5 Millionen Italiener zwischen 18 und 34 Jahren wohnen zuhause. Es sind deutlich mehr Männer, die noch im Hotel Mamma logieren. "Der Mammismo ist eine Krankheit, die in Italien längst das Ausmaß einer Epidemie angenommen hat", spottet der Werbefachmann Fabrizio Blini, dessen neues Buch "Mamma mia!" die zähe Mutter-Sohn-Beziehung der Italiener analysiert. Ergebnis: "Die Mutter ist ein privates Gut, die Mamma ein kollektiver Schaden."

Gefährlicher Typus

Das Heer der Nesthocker auf der Halbinsel ist ein beliebtes Ziel soziologischer Studien. In der Tageszeitung La Stampa setzte sich der Journalist Jacopo Jacoboni akribisch mit verschiedenen Bamboccioni-Typen auseinander - vom "Alibi-Nesthocker" bis zum "besonders gefährlichen Typus der Bambocciona auf der Suche nach eigener Familie". Die Blogs, in denen Jugendliche mit prekären Jobs illusionslos ihren Alltag schildern, lassen sich kaum mehr zählen.

Glück hatten die Mailänder Antonio Incorvaia und Alessandro Rimassa mit ihrem ins Internet gestellten Reality-Roman. Das Buch über den Alltag eines "Milleurista", eines der "Riesenbabys", die mit 1000 Euro Einkommen zuhause sitzen müssen, wurde in sechs Sprachen übersetzt - eine Ausnahmeerscheinung. Denn Italiens junge Generation ist nach Überzeugung des Mailänder Ökonoms Tito Boeri "wehrloses Opfer der massivsten Umverteilung seit Jahrzehnten": Auf jedem jungen Italiener lastet eine Staatsverschuldung von 80.000 Euro und eine Pensionsschuld von 250.000 Euro. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.12.2007)

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