der schönste Tag der Woche: Erste Sätze, Autokannibalismus...

27. Oktober 2007, 10:00
2 Postings

... und Molterers Promille-Meldung: Die Deutschen sind ein merkwürdiges Volk: Zuerst helfen sie einem österreichischen Führer,...

Die Deutschen sind ein merkwürdiges Volk: Zuerst helfen sie einem österreichischen Führer, einen Weltkrieg anzuzetteln, dann werden sie dreimal Fußball-Weltmeister, obwohl das außer ihnen niemand wollte, und schließlich behaupten sie auch noch frech, ausgerechnet Günter Grass hätte den schönsten Anfangssatz eines deutschsprachigen Romans geschrieben. Wie der Satz lautet? "Ilsebill salzte nach." Da lachen ja die Hühner. Und zwar nicht nur die beiden im "Hühnerparadies" von Oberranna verbliebenen (Sie erinnern sich, im Sommer waren es noch vier), sondern auch die paar Millionen, die hierzulande in Käfigen gehalten werden. Zum Stichwort Käfig fällt mir ein, dass ich als junger Bursche während der Sommerferien einmal in der Nähe von Los Angeles auf einer Farm mit 20.000 Hühnern gearbeitet habe und dabei nicht selten Zeuge wurde, wie verletzte Hühner ihre eigenen Gedärme gefressen haben. Seither weiß ich, was "Autokannibalismus" ist. Die zwei "abgängigen" Hühner in Oberranna sind allerdings nicht durch "Autokannibalismus" zu Tode gekommen, sondern vom "Geier", wie die alte Frau K. zu sagen pflegt (in Wirklichkeit war es der Hühnerhabicht) beziehungsweise vom Fuchs (und nicht vom Luchs; aber Frau K. ist 81 und neigt hie und da zu Übertreibungen) gefressen worden.

Frau K. hat übrigens einen Sohn, der tatsächlich Josef heißt, aber nicht ident ist mit dem Josef K. aus Franz Kafkas Romanfragment Der Prozess. Zumindest war Josef K. bei Kafka kein Elektriker, während Josef K. aus Oberranna – nein, Sie haben recht, das führt jetzt eindeutig zu weit weg von Günter Grass und seinem völlig misslungenen Roman-Anfangssatz "Ilsebill salzte nach". Grass hätte Anthony Burgess‘ Roman Enderby lesen sollen, dann wüsste er, wie ein wirklich guter erster Satz klingt: "Pfffrrrammmp!" Dieses "Pfffrrrammmp!" steht onomatopoetisch, also lautmalerisch, für einen Schas (hochdeutsch auch Furz genannt), den die Titelfigur lässt, und mir ist ein Roman, der mit einem solchen Knalleffekt beginnt, zehnmal lieber, als einer, in dem nachgesalzen wird, noch dazu von einer Ilsebill. Den Einwand, Enderby wäre kein deutschsprachiger Roman, lasse ich übrigens nicht gelten, zumal das Buch ins Deutsche übersetzt wurde und somit Teil der deutschsprachigen Literatur ist.

Jetzt zu etwas anderem: "Molterer meldet 0,7 Promille nach Brüssel" stand unlängst in einer Zeitung. Ich aber frage mich: Welche 0,7 Promille? Ist es jetzt schon so weit, dass wir unseren Alkoholspiegel nach Brüssel melden müssen und Molterer mit gutem Beispiel vorangeht? Oder hat sich die Zeitung nur verschrieben und das Defizit von 0, 7 Prozent gemeint? Hoffen wir Letzteres, denn schließlich möchten wir ja zu Weihnachten ohne schlechtes Gewissen mit dem Dichter Lackerbauer Klaus sagen können:

"Jesukindlein bleib bei mir, / trink a Flascherl Bier mit mir." Was wir unabhängig vom Jesukindlein auch aus Anlass des 14. Todestags von Anthony Burgess tun könnten. (Kurt Palm, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 1./2.12.2007)

  • Bild nicht mehr verfügbar
  • Artikelbild
    foto: michaela mandl
Share if you care.