Der Kinokulturarbeiter: Fritz Rosenfeld (1902–1987)

29. November 2007, 18:05
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Ein Pionier der österreichischen Film- und Gesellschaftskritik wird wiederentdeckt: Ein Buch und eine Ausstellung im Wiener Literaturhaus sind ihm gewidmet

Wien – "Warum wird in den Wiener Kinos nicht gepfiffen?" Die Frage beschäftigt den Autor nicht erst in jenem Text, dem sie 1926 als Überschrift voran gestellt ist. Das Recht des Kinopublikums, als solches ernstgenommen zu werden, gilt ihm alles – vor allem gegenüber den primär ökonomischen Interessen derer, die ihre zahlenden Kunden dazumal mit dem "Abhub der amerikanischen Filmproduktion" und den "Erzeugnisse(n) hirnrissiger Wiener Dilettanten" abfertigen.

Fritz Rosenfeld, 1902 "am Krampus-Tag" in Wien geboren, ist seit 1923 Kulturredakteur der "Arbeiter-Zeitung". Eine regelmäßige Filmkritik gibt es zunächst nicht. Allerdings nimmt der neue Mitarbeiter, damals noch als Student der Modernen Sprachwissenschaften an der Uni Wien eingeschrieben, seine Tätigkeit zu einem Zeitpunkt auf, an dem sich das Medium so weit etabliert und eine so große Verbreitung gefunden hat, dass auch fortschrittliche Kräfte für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Kino plädieren. (Immerhin gibt es in Wien Anfang der 20er-Jahre rund 170 Lichtspielhäuser.)

"Die Welt des Films" heißt Rosenfelds bald eingerichtete Rubrik. Jahre, bevor sein deutscher Kollege Siegfried Kracauer das berühmte Diktum von der "Aufgabe des Filmkritikers" formuliert, auch ein Gesellschaftskritiker zu sein, arbeitet Rosenfeld bereits in diesem Sinne: Die Welt des Films ist kein abgeschottetes Universum, nicht frei von ökonomischen Zwängen, ideologischem Zugriff - und andererseits voller Potenziale, die es etwa auch im Interesse der Arbeiterschaft zu nutzen gilt.

Gegen "Kinogreißler"

Rosenfeld schreibt also über Filme, aber auch über Kinokultur, gegen die "Kinogreißler", für die Avantgarde (die "Filmkunst ohne Filmkapital") oder "Für und wider das Happy end". Er schätzt René Clair, Charlie Chaplin oder den russischen Film der 20er-Jahre. Er geht ins "Vorstadtkino" ("Rufe schwirren durch die Luft. Zuckerln sausen, als Wurfgeschosse, über die Köpfe hin; hat der Absender schlecht gezielt, erhascht ein anderer das Geschoß – macht es auch nichts. Es ist ja auch ein Bekannter."). Er muss sich wie seine Kollegen mit dem Tonfilm auseinandersetzen. Und er besteht stets auf der Verpflichtung gegenüber den Lesern und der Unabhängigkeit der Kritiker von der "Inseratenabteilung". "Fritz Rosenfeld, Filmkritiker" heißt schlicht die jüngst erschienene, erste, thematisch gegliederte Sammlung von solchen Texten zu Film und Kino, die zwischen 1923 und 1980 entstanden sind. Ausgewählt, mit sachdienlichen Hinweisen und einer ausführlichen Darstellung von Rosenfelds Biografie und dem jeweiligen Umfeld seiner Tätigkeit versehen von den Wiener Filmwissenschaftern Brigitte Mayr und Michael Omasta, die sich schon mit früheren Publikationen der zwangsexilierten Filmschaffenden Österreichs angenommen haben.

Emigration 1934

Denn 1934 muss auch der Sozialist und Jude Rosenfeld emigirieren. Er geht zuerst nach Prag. 1939 gelangt er nach Großbritannien, wo er sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs dauerhaft niederlassen wird. Zunächst gilt es jedoch, politische und ökonomische Hindernisse zu nehmen und sich eine neue Existenz aufzubauen. Rosenfeld wird unter dem Namen Friedrich Feld nicht zuletzt als Autor von Büchern "für denkende Kinder" reüssieren. 1987 ist er in Sussex gestorben. Der Band "Fritz Rosenfeld, Filmkritiker" (Hg. Brigitte Mayr, Michael Omasta) ist im Verlag Filmarchiv Austria erschienen; die Vitrinen-Ausstellung von Österreichischer Exilbibliothek und Synema im Literaturhaus ist noch bis 21. 12. 2007 zu sehen. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.11.2007)

  • Ein Freund von "Filmkunst ohne Filmkapital": der Wiener Filmkritiker Fritz Rosenfeld.
    foto: filmarchiv austria

    Ein Freund von "Filmkunst ohne Filmkapital": der Wiener Filmkritiker Fritz Rosenfeld.

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