Zwischen Kunst und Vandalismus

20. November 2007, 17:35
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Über die Wiener Graffiti-Szene und deren Verhältnis zu den Medien schrieb Katrin Stagl in ihrer Bakkalaureats-Arbeit

Als aufmerksamer Medienkonsument könnte man meinen, die Graffiti-Sprayer und deren Werke würden in der letzten Zeit an Anerkennung gewinnen, weil sich die kunstvoll gesprayten Schriftzüge vermehrt in Werbungen wiederfinden. Darüberhinaus nimmt die Zahl an Initiativen zu, in deren Rahmen den Sprayern Flächen zur Verfügung gestellt werden, auf denen sie ihrer Kunst legal nachgehen können. So dürfen sich eifrige Fans nach dem Besuch eines Spiels der EM 2008 bald als Sprayer austoben. Mit einer "Jugendszene" oder gar deren Förderung haben solche Aktionen natürlich herzlich wenig zu tun.

"Vandalenakte"

Demgegenüber steht die Tatsache, dass ein großer Teil der Bevölkerung Graffiti immer noch mit Vandalenakten gleichstellt. Die in Gruppeninterviews befragten Sprayer selbst sehen die Verantwortung für diese öffentliche Wahrnehmung bei den Boulevardmedien, die sich in regelmäßigen Abständen über die hohen Kosten empören, die bei der Beseitigung von illegalen Graffiti anfallen - für die oftmals die öffentliche Hand aufkommen muss. Gerade die Ablehnung gewisser Medien scheint ein zusätzlicher Anreiz zu sein weiter zu machen, und die Graffiti quasi als gut sichtbares "Gegenmedium" zu platzieren. Wichtig für den Austausch innerhalb der Szene sind hingegen die einschlägigen Magazine und Websites. Sie sind auch die Voraussetzung, dass ein Sprayer überregional Anerkennung ("Fame") bekommen kann.

"Illegalität gibt den Kick"

Die Illegalität, unter der die Sprayer agieren, wird von diesen zwar auch als Motivationsgrund genannt. Dies erschwert allerdings verlässliche Forschungen über die Szene und deren Struktur. Es liegt aber nahe, dass der Umstand, dass die Akteure nach außen hin vorsichtig sein müssen, den inneren Zusammenhang erhöht. Ähnliches ist auch bei anderen illegalen Szenen beobachtbar.

Kostenintensive Kunst

Gemeinhin sieht man Graffiti als Kunst vom Rande der Gesellschaft, die es Schlechtergestellten erlaubt, in der ihr eigenen Ausdrucksform auf soziale Probleme aufmerksam zu machen. Die Beobachtungen der Autorin decken sich jedoch kaum mit dieser Vorstellung, schließlich ist allein der finanzielle Aufwand beträchtlich, der bei der Anschaffung der Spraydosen, Masken etc. entsteht. Hinzu kommt Markenkleidung, die für die Szenenzugehörigkeit unabdingbar sei.

Einnahmen durch ihre Kunst können schließlich die wenigsten verbuchen. Und wenn man als Sprayer tatsächlich zu einer Auftragsarbeit kommt, so hat man in der Regel bereits viele Jahre frei agiert, und sich dabei einen Namen gemacht. Nicht erst dadurch wird der Umgang mit Identität zur Gratwanderung: aus strafrechtlichen Gründen muss die Anonymität bewahrt werden, andererseits kämpft man um "Fame" in der Szene, in der man unter Pseudonym agiert.

Manchmal passiert es der Autorin, dass sie gar sehr vereinfachende Schlussfolgerungen aufstellt, etwa über die Zusammenhänge zwischen Medienberichterstattung und Volksmeinung. Dagegen ist die Beleuchtung der Bezugspunkte der Szene und deren Agieren dank Gruppeninterview als gelungen zu bezeichnen.

Die Bakkalaureats-Arbeit "Medien und deren Relevanz in Jugendkulturen mit besonderer Berücksichtigung der Jugendszene der Graffiti-Sprayer" (Katrin Stagl, 2007) ist im Volltext nachzulesen.

Die Autorin
Katrin Stagl (Jg. 1984, Bakk.phil) studiert Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien (Magisterstudium) mit dem Schwerpunkt Jugendkommunikationsforschung. Beruflich versucht sie als Assistentin des Marketing Managements von VARTA Batterien | REMINGTON kommunikationsstrategische Ziele in der Werbewirtschaft zu verfolgen.

Der Rezensent
Markus Tschann studiert seit 2003 Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (Bakkalaureat) und Romanistik.

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