Ellen Müller-Preis 1912-2007

20. Dezember 2007, 14:54
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Am Sonntag starb, 95-jährig, Österreichs ein­zige Fecht-Olympia­siegerin, sie war auch die Verkünderin eines Sportideals, das von den Zeitläuften längst schon entsorgt worden ist

Wien - Sehr oft passiert es nicht, dass eine aus Berlin umstandslos zu einer Wienerin wird und als solche zu einem Inbegriff des Österreichischen. Ellen Müller-Preis ist genau das widerfahren, auch wenn dazu gesagt werden muss, dass ihre Verösterreicherung sich zu einem guten Teil ihren unglaublichen sportlichen Erfolgen verdankt. Die aber zählen seit gut sechzig Jahren zum gut gehüteten Legendenschatz des Landes.

Am Sonntag starb Ellen Müller-Preis im Alter von 95 Jahren im Wiener Krankenhaus Lainz an einem Nierenversagen. Ihr anlässlich des 95. Geburtstages im Mai geäußerter Wunsch - "Ich möchte 100 Jahre alt werden" - ging nicht in Erfüllung. Oder auf andere Art: Die verehrende Erinnerung an die große Dame - ja: Dame - des internationalen Fechtsports wird dem Land noch sehr lange erhalten bleiben. Und sie selbst damit in jenen mythischen Stand erhoben, der mit dem saloppen Wort Unsterblichkeit üblicherweise gemeint ist.

Ellen Müller ist als Tochter eines Steirers und einer Rheinländerin 1912 in Berlin zur Welt gekommen. 1930, 18-jährig, übersiedelte sie zur Wiener Tante, der Leiterin des Wiener Fechtsaals, wo sie recht bald schon ihre österreichischen Konkurrentinnen mit dem Florett Mores lehrte. Nach einem halben Jahr schon war sie Staatsmeisterin, im Jahr darauf holte sie Bronze bei der Europameisterschaft in Wien. Sie durfte sich also mit gutem Recht erwarten, für ihr Heimatland 1932 nach Los Angeles, zu den X. Olympischen Spielen der Neuzeit entsandt zu werden. Aber die Deutschen lehnten dankend ab. Ellen Müller fuhr also als Österreicherin nach Kalifornien. Und holte Gold. Das war und blieb Österreichs einziger Olympiasieg im Fechten.

Den sie in weiterer Folge auf eindrucksvolle Weise bestätigte. 1936 im heimatlichen - na ja: mittlerweile unheimlichen - Berlin und später dann, 1948 in London, holte sie Bronze. Ihre letzte Olympiateilnahme datiert aus 1956. Noch als 44-Jährige reiste sie nach Melbourne und erreichte dort immerhin das Finale.

Zur Summe ihrer sportlichen Karriere zählen noch drei Weltmeister-Titel (1947, 1949, 1950), zwischen 1931 und 1957 acht weitere WM-Medaillen sowie immerhin 21 nationale Meistertitel.

Aber die Summe des Lebens der Ellen Müller-Preis ist damit natürlich längst nicht komplett. Denn sie als eine der weltbesten Florettistinnen beschreiben zu wollen, griffe insofern zu kurz, dass von einer Themenverfehlung gesprochen werden müsste.

Die Mutter zweier Söhne war - und vielleicht war das sogar ihr Lebenszentrum - eine leidenschaftliche Pädagogin. Als Professorin am Wiener Reinhardt-Seminar lehrte sie Generationen von Schauspielern das bühnenreife Fechten. Aber pädagogisch war sie weit über die Lehrtätigkeit hinaus.

Einfach Fairness Wann immer sie das Wort ergriff, blinzelte etwas durch die ehrfurchtgebietende Erscheinung, welches der Zeit, in die sie hinübergewachsen war, auf sehr charmante und doch stringente Weise die Leviten las. "Man kann", meinte sie erst vor einem halben Jahr, "nicht den Anderen einfach umrennen wollen. Das ist unfair. Wir haben damals sehr häufig die Treffer selbst angesagt, denn wir waren sehr fair zueinander. Ich mag jeden Sport, in dem es fair zugeht."

Die Fairness - jener so schwer beschreibbare Begriff, der die Vorstellung vom Sport prägt wie kein anderer - auch und vor allem nicht der sogenannte Erfolg - war eines ihrer Leitthemen, auf die sie immer wieder zu sprechen kam. Wobei sie dieses Leitthema weit über den Sport dehnte. "Ich schätze jene Menschen, die ohne Falschheit, ohne falsche Mittel einzusetzen, gewinnen. Man sollte lieber verlieren, als unfair zu sein. Es geht um das faire Handeln des Menschen."

So ein Satz ist - ja - der aus dem Sport destillierte kategorische Imperativ. Dass die Welt von diesem nicht - oder immer weniger - regiert wird, lässt sich dem Sport, wie Ellen Müller-Preis ihn verstand, nicht anlasten.

Sehr wohl aber der Umstand, dass er sich ihr angeglichen hat wie das Chamäleon, das so sehr aussehen möchte wie der Ast, auf dem es sitzt, dass es dann zurecht für ihn gehalten wird. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Printausgabe 20. November 2007)

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