"Hauptsach g'sund" oder Warnung vor "Ordination Dr. Staat"

8. Dezember 2007, 16:41
73 Postings

Österreichs Ärzte streikten gestern nicht, sondern informierten über das Schreckgespenst "Verstaatliche Medizin"

"Hatschi!" Die Praxis für Allgemeinmedizin im 1. Bezirk ist voll. "Grippezeit", seufzt die gepflegte ältere Dame mit den roten Nasenflügeln und schneuzt sich ganz undamenhaft. Wichtig ist sei schon, dass sich jeder Arzt Zeit nehmen kann und jeder Patient individuell betreut wird, meint sie. Schließlich gehe es um die Gesundheit - und die ist bekanntlich das wichtigste Gut. "'Hauptsach g'sund, heißt es doch immer". Heftiges Nicken im Warteraum.

Keine Schraubenfabrik

Was Ärztekammer-Präsident Walter Dorner unlängst im Fernsehen gesagt hat, hat ihr gefallen: "'Wir sind keine Schraubenfabrik, bei der man so einfach einsparen kann', hat er gemeint. Es geht um die Menschen." "Vollkommen richtig", stimmt eine andere Frau mit Grippesymptomen zu, nickt mit aller Vehemenz, die man als Grippekranke eben so aufbringt. Vom Ärzteinformationstag haben beide bisher noch nichts gehört. Aber der Dorner, der ist ein guter Arzt. Das weiß die eine aus eigener Erfahrung und bekommt strahlende Augen. Ein Chirurg, auf den man sich verlassen kann.

Kdolsky-Unterschrift

Dorner selbst verlässt sich auch. Und zwar auf das Wort der Gesundheitsministerin, das sie durch ihre Unterschrift unter eine gemeinsame Erklärung auch schriftlich gegeben hat. Weiterhin sollen Kassenverträge und Stellenpläne mit der Sozialversicherung ohne Einflussnahme von Bund und Ländern ausgehandelt werden, verspricht Kdolsky in dieser Erklärung. Schwarz auf Weiß steht es da. Deshalb wurden auch die für heute angekündigten Streiks abgesagt und in einen Informationstag umgewandelt. Ob dieses Versprechen auch in die konkrete Politik Eingang finden wird, bleibt abzuwarten.

Pfennigfuchser

"Es ist auf jeden Fall mutig von unserem Präsidenten, auf das Wort der Ministerin zu vertrauen," gibt sich Dr. Rolf Jens, Obmann der Sektion Ärzte für Allgemeinmedizin skeptisch. Er steht am Stephansplatz, inmitten von Zettel verteilenden, weißbekittelten Promotoren. Es ist kalt am Platz, und nass, und die Menschen hasten schnell weiter. Die Infozettel machen nicht neugierig? "Die könnten genausogut von Peek und Cloppenburg sein", ätzt einer der Verteiler. Die Ärzte informieren und keiner bleibt stehen. In Graz zog man da schon mehr Aufmerksamkeit auf sich. Einbandagierte Aktivisten informierten dort mitten am Hauptplatz im Wartezimmer mit Ledercouch über die drohenden Folgen, "wenn Dr. Staat ordiniert", wie es hieß.

Am Stephansplatz wirkt Rolf Jens besorgt. Sollte das Gesundheitswesen wirklich nach staatlichen Vorgaben ausgerichtet werden, würde das auf alle Fälle auf Kosten der PatientInnen gehen. "Pfennigfuchser" würden nicht immer den kostengünstigsten Weg finden. "Wichtig ist es, in die Vorsorge zu investieren, das entlastet das Gesundheitssystem", so Jens. "Sparen sollte man an der Bürokratie".

Befehlsempfänger

Im Wartezimmer des praktischen Arztes Dr. Norbert Jachimowicz hängt ein großes Plakat: "Nein zur Staatsmedizin". Gänzlich unbeachtet. Jachimowicz selbst macht seine PatientInnen "ab und zu" darauf aufmerksam. Er befürchtet, dass die Ärzte Schritt für Schritt entmündigt werden sollen: "Wir werden langsam zu reinen Befehlsempfängern und können nichts mehr mitentscheiden," empört er sich und illustriert an einem Beispiel: Es wird noch soweit kommen, dass uns die Regierung vorschreibt, wann wir einen Patienten gesund schreiben sollen, damit die Wirtschaft ja keinen Schaden davonträgt. Er jedenfalls habe keine Lust, sich von Beamten und Sektionschefs seinen Job erklären zu lassen. Er meint damit den Sektionschef des Gesundheitsministeriums Clemens-Martin Auer, der zwar Doktor ist, aber in Theologie. Man dürfe jedenfalls nicht zulassen, dass der Staat ordiniert.

Bitte warten

Einige seine PatientInnen informiert er heute auch persönlich. Schließlich müsse man aufmerksam machen. Andere Wiener Ärzte nehmen das weit weniger ernst. Auch weil die PatientInnen schon genug Sorgen haben, wenn sie zu ihnen kommen. "Der Herr Doktor soll seine Arbeit machen und nicht informieren. Sonst warten wir noch länger," empört sich ein Patient in einer Zahnarztpraxis. Noch längere Wartezeiten wollen die Ärzte zu verhindern wissen. Notfalls mit neuen Streikmaßnahmen. (mhe, derStandard.at/8.11.2007)

  • In der Ordination von Dr. Norbert Jachimowicz werden PatientInnen am 8. November "hin und wieder" darüber informiert, wo die Ärzte der Schuh drückt.
    foto: honsig/derstandard.at

    In der Ordination von Dr. Norbert Jachimowicz werden PatientInnen am 8. November "hin und wieder" darüber informiert, wo die Ärzte der Schuh drückt.

  • Flugzettel am Stephansplatz. PatientInnen empören sich vor allem über lange Wartezeiten. In ganz Österreich fanden Infoveranstaltungen statt, die mehr oder minder mit Interesse aufgenommen wurden.
    foto: honsig/derstandard.at

    Flugzettel am Stephansplatz. PatientInnen empören sich vor allem über lange Wartezeiten. In ganz Österreich fanden Infoveranstaltungen statt, die mehr oder minder mit Interesse aufgenommen wurden.

  • "Es ist auf jeden Fall mutig von unserem Präsidenten, auf das Wort der Ministerin zu vertrauen," meint Dr. Rolf Jens, Obmann der Sektion Ärzte für Allgemeinmedizin.
    foto: honsig/derstandard.at

    "Es ist auf jeden Fall mutig von unserem Präsidenten, auf das Wort der Ministerin zu vertrauen," meint Dr. Rolf Jens, Obmann der Sektion Ärzte für Allgemeinmedizin.

  • Volles Wartezimmer. In vielen Wiener Ordinationen war für Info keine Zeit ...
    foto: honsig/derstandard.at

    Volles Wartezimmer. In vielen Wiener Ordinationen war für Info keine Zeit ...

  • ... in einigen konnten sich PatientInnen die Wartzeit mit dem Studium von Foldern und Plakaten zum Thema verkürzen.
    foto: honsig/derstandard.at

    ... in einigen konnten sich PatientInnen die Wartzeit mit dem Studium von Foldern und Plakaten zum Thema verkürzen.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Aktionen in Graz.

Share if you care.