"Sehr hoher Grad an Perfektion"

28. April 2008, 13:52
5 Postings

Funk­tionelle und ästhetische Probleme bei Kieferfehl­stellungen und die richtige Korrektur - Wolfgang Puelacher im derStandard.at-Interview

Ein eindrucksvolles Beispiel einer Kieferfehlstellung hat Geschichte: Das Habsburger-Profil, ein weit vorstehendes Unterkiefer wurde über Generationen weitervererbt. Kieferfehlstellungen sind auch heute keine Seltenheit, sie lassen sich aber erfolgreich korrigieren.

derStandard.at: Sind Kieferfehlstellungen ausschließlich ein kosmetisches Problem oder auch ein funktionelles Problem?

Puelacher: Die Kieferfehlstellung ist primär ein funktionelles Problem, das auch mit ästhetischen Beeinträchtigungen einhergeht. Mit modernen Zahnregulierungen, aktuellen Operationstechniken und den Fortschritten, die man auch auf dem Gebiet der Narkose gemacht hat, erreicht man heute einen sehr hohen Grad an Perfektion.

derStandard.at: Perfektion im Sinne von hochgradig ästhetisch?

Puelacher: Die Perfektion besteht auf mehreren Ebenen. Natürlich ist ein Hauptziel der kieferorthopädischen Operation die Korrektur der Okklusion und die Verbesserung des Profils. Dass die Kieferfehlstellung aber nicht nur ein kosmetisches Problem ist, spüren die Patienten selbst am besten durch die eingeschränkte Kaufunktion. Mit der Operation korrigiert man auch die fehlerhafte Bisssituation, kann Kiefergelenksbeschwerden reduzieren und einen früheren Verlust von Zähnen vermeiden.

derStandard.at: Wie ausgeprägt muss die Kieferfehlstellung denn sein, dass man eine kieferchirurgische Intervention in Erwägung zieht?

Puelacher: Sobald eine Fehlstellung durch eine kieferorthopädische Behandlung alleine nicht mehr korrigiert werden kann.

derStandard.at: Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Puelacher: In den meisten Fällen wartet man bis der Patient ausgewachsen ist. Es gibt jedoch Ausnahmen. Ist die Fehlstellung sehr ausgeprägt, dann kann die psychische Belastung sehr groß sein und die Entscheidung wird zugunsten eines früheren Operationstermins getroffen. Auch im Kindesalter werden kieferchirurgische Eingriffe gemacht, wenn beispielsweise Probleme beim Gesichtsschädelwachstum oder bei der Atmung auftreten.

derStandard.at: Was passiert vor der Operation?

Puelacher: Wichtig erscheint mir eine gute Kooperation zwischen dem Zahnarzt, dem Kieferorthopäden und dem Kieferchirurgen. Gelegentlich sind auch Psychologen und Fachärzte für HNO involviert. Das Behandlungskonzept wird gemeinsam erstellt. Der Zahnarzt kümmert sich im Vorfeld um kariöse Zähne. Dann stellt der Kieferorthopäde die Zähne so ein, dass sie wie Schlüssel und Schloss zusammenpassen und im Anschluss positioniert der Kieferchirurg die Basen der Kiefer so, dass eine perfekte Okklusion und ein entsprechend schönes Aussehen daraus resultieren.

derStandard.at: Welche Untersuchungen sind erforderlich?

Puelacher: Neben dem ausführlichen Beratungsgespräch, werden nach klinischen und funktionellen Untersuchungen, primär Röntgen und Fotoaufnahmen gemacht. An einem speziellen Fernröntgen werden definierte Punkte vermessen und einer genauen Gesichtsanalyse zugeführt. Neben einer Verbesserung der Kaufunktion versucht man auch auf die ästhetischen Wünsche der Patienten einzugehen.

derStandard.at: Was geschieht, wenn das Ergebnis nicht den Erwartungen des Patienten entspricht?

Puelacher: Garantie können wir natürlich keine geben. Wir haben aber Nachuntersuchungen gemacht und dabei hat sich herausgestellt, dass 87 Prozent der Patienten sich wieder operieren lassen würden. Problematisch sind vor allem Menschen, bei denen starke psychische Faktoren einfließen. Nicht immer kann man die Wünsche dieser Patienten auch erfüllen. Deswegen sind die Beratung und die Vertrauensbildung im Vorfeld sehr wichtig.

derStandard.at: Stimmt es, dass die kieferorthopädische Vorbehandlung vor der Operation vorübergehend auch zu einer Verschlechterung des Gesichtsprofils führen kann?

Puelacher: Ja. Am Beispiel des Habsburger-Profils lässt sich das leicht erklären: Der Unterkiefer der Habsburger steht weit vor und durch den Druck der Lippen sind die Unterkieferzähne weit nach hinten geneigt. Der Kieferorthopäde versucht die Zähne nach vorne zu kippen, damit sie korrekt im Kiefer stehen. Die Unterlippe steht dann natürlich noch weiter vor.

derStandard.at: Mit der Operation ist dann alles erledigt?

Puelacher: Nach der Operation macht der Kieferorthopäde noch eine Feineinstellung der Zähne, damit sie noch perfekter aufeinander passen und damit es bei dem guten Ergebnis auch bleibt, werden die Zähne noch vorübergehend in dieser Einstellung positioniert.

derStandard.at: Das heißt, es kommt auch vor, dass sich die Kieferfehlstellung erneut ausbildet?

Puelacher: Rückveränderungen, wir Mediziner nennen das Rezidive, sind sehr selten. Sie können jedoch durch den Druck der Zunge beispielsweise zu einem geringen Wiederauftreten des Fehlbisses führen. Deshalb werden in solchen Fällen zusätzlich logopädische Behandlungsmaßnahmen getroffen.

derStandard.at: Welche Probleme könnten noch auftreten?

Puelacher: Bei einer Operation im Unterkiefer können vorübergehend Gefühlsstörungen im Bereich der Unterlippe und des Kinnes auftreten. Schwellungen und Blutergüsse sind ebenfalls möglich. Eine Schädigung des Gesichtsnerves ist sehr unwahrscheinlich, der Patient wird im Vorfeld über alle Nebenwirkungen aufgeklärt. Er trifft dann gemeinsam mit den behandelnden ÄrztInnen die Entscheidung, ob er sich operieren lassen will. (Das Interview führte Regina Philipp, derStandard.at, 31. Oktober 2007)

  • Zur Person
Wolfgang Puelacher ist Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirugie an der Klinische Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirugie, Laboratorium für Gewebetechnologie Medizinische Universität Innsbruck
    foto: puelacher

    Zur Person

    Wolfgang Puelacher ist Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirugie an der Klinische Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirugie, Laboratorium für Gewebetechnologie Medizinische Universität Innsbruck

Share if you care.